#wirbleibenzuhause: Neorealismus

Theorien der Außenpolitik und treffende Beispiele

Das Coronavirus bringt uns alle dazu, neuen Motivationen nachzugehen. Viele von Euch haben in der ganzen Zeit bestimmt schon den Entschluss gefasst, sich weiterzubilden. Das hier ist nun Eure Chance: Jede Woche werde ich eine der großen Theorien der Außenpolitik und ein paar treffende Beispiele dazu erläutern.

Wenn Du ganz viel Zeit hast, kannst Du auch die folgenden Ursprungswerke dazu lesen:

  • Hans-J. Morgenthau: Politics Among Nations (1949)
  • Kenneth N. Waltz: Theory of International Politics (1979)
Quelle: Pexels.com

Der Neorealismus

Außenpolitik bedeutet internationale Politik. Und wenn dieses Thema in den Nachrichten ist, verheißt das oftmals nichts Gutes. Erst recht, wenn Elmar Theveßen um 19:25 im ZDF Spezial zu sehen ist, weiß man: Außenpolitisch ist etwas Schlimmes im Gange, denn in der internationalen Politik geht es in erster Linie um Konflikte. Doch wie kommen diese Konflikte zu Stande?

Bereits Thomas Hobbes charakterisierte den Menschen als egoistisches Wesen, das um das eigene Überleben und seine Sicherheit kämpft. Dies sei die Ursache aller menschlichen Konflikte. Der Coburger Politikwissenschaftler Hans-Joachim Morgenthau nahm diese Annahme und übertrug sie auf internationale Politik: Staaten streben nach Sicherheit, weil auch der Mensch nach Sicherheit strebt. Diesen Ansatz kennen wir heute als klassischen Realismus.

Kenneth N. Waltz, der den Neorealismus maßgeblich prägte, veröffentlichte daraufhin im Jahr 1979 die Theory of International Politics, mit der er das Entstehen zwischenstaatlicher Konflikte begründen wollte. Das Hauptargument ist, dass es keine Weltregierung gibt, die Fehlverhalten von Staaten bindend sanktionieren kann. Im internationalen System herrscht Anarchie.

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Wenn vom internationalen System die Rede ist, führt Euch am besten eine einfache Weltkarte vor Augen. Jeder Staat ist ein geschlossener Akteur auf der Weltkarte. Eine höhere Ordnung als diese gibt es nicht.

Staaten werden im Neorealismus als geschlossene Akteure angesehen, in sie wird also nicht hineingesehen: Ob Demokratie, Diktatur, christlich, muslimisch, buddhistisch. Es spielt keine Rolle, da die Vergangenheit zu Genüge gezeigt hat, dass es keine Staatsform gibt, die keine Kriege führt.

Aber kehren wir zurück zur Anarchie. Staaten sind sich permanent unsicher über die Absichten der Anderen. Gleichzeitig wollen sie in dieser unsicheren Welt ihr eigenes Überleben garantieren. Das führt mindestens zu einem grundsätzlichen Misstrauen anderen Staaten gegenüber, kann aber im äußersten Fall Präventivangriffe nach sich ziehen.

„In the anarchial world of international politics, it is better to be Godzilla than Bambi.“

Hans-Joachim Morgenthau

Wird ein Staat also militärisch aktiv, muss man sich nach Waltz‘ Neorealismus immer die Frage stellen: Handelt dieser Staat so, weil er seine Sicherheit bedroht sieht?

Der Punkt der maximalen Sicherheit ist im Neorealismus dann gegeben, wenn ein bipolares internationales System existiert, in dem jeder Staat einem der beiden Blöcke angehört. In dem Fall ist das Level der gegenseitigen Abschreckung – besonders durch Atomwaffen – so hoch, dass es niemand wagen würde, einen Staat aus dem anderen Block anzugreifen.

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Ihr seht: Die Theorie ist alles andere als optimistisch. Sie zeichnet ein sehr düsteres Bild der internationalen Politik. Aber wenn wir ehrlich sind? Die Konflikte, auch im 21. Jahrhundert, und die negative Stimmung der Nachrichten geben der Theorie auf ersten Blick recht. Noch pessimistischer ist der Ansatz des Offensiven Neorealismus, der im nächsten Artikel behandelt wird.

Aber welche schlechten Nachrichten waren das genau? Hierzu zwei Beispiele.

Die Kuba-Krise (1962)

Der Kalte Krieg ist das treffende Beispiel, eventuell sogar der Beleg, für die Prognose des Neorealismus. Zwei Blöcke, auf der einen Seite der Westen und auf der anderen Seite die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, besaßen durch die Großmächte USA und Russland so viele nukleare Sprengkörper, dass ein mit Atomwaffen geführter dritter Weltkrieg geradezu sinnlos gewesen wäre. Das Level der Vernichtung nicht nur des Gegners, sondern des gesamten Planeten, hätte in keinem Verhältnis zu dem Nutzen gestanden, den man durch einen Angriff haben könnte.

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Aber wie konnte es überhaupt zu diesem Level der Aggression und der gegenseitigen Abschreckung kommen? Als Beispiel dient hier die Kuba-Krise: Die Sowjets stationierten am 14. Oktober 1962 zum Entsetzen des Westens zahlreiche Raketen bei ihren sozialistischen Genossen in Kuba, also in nächster Nähe zu den Vereinigten Staaten. Dies wurde nicht nur als Provokation, sondern als akute Bedrohung für die nationale Sicherheit wahrgenommen, auf die mit westlicher Aggression reagiert wurde. Dabei war die Stationierung der Raketen bereits ein Konter auf die zunehmende Gefährdung der UdSSR, da die USA bereits Sprengköpfe in Italien und der Türkei, also nahe der Sowjets, platzierte.

Auf diese Art schaukelten sich die Ereignisse immer weiter hoch. Das Resultat war die totale Aufrüstung und das fortwährende Gefühl, dass jeder weitere Tropfen das Fass zum Überlaufen bringen kann.

Die Krim-Krise (2014)

Die Ukraine sollte Mitglied der NATO und der EU werden. Dadurch würde der Westen immer weiter an die Russen heranrücken und hätte damit schon eine Vielzahl an ehemaligen UdSSR-Staaten auf seine Seite gezogen. Darüber brauchte der Kreml die Ukraine für seine Eurasische Wirtschaftsunion, die bisher auf überwiegend mittelasiatischen Staaten besteht. Diese drei Faktoren wurden als Bedrohung für die nationale Sicherheit Russlands wahrgenommen.

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Als Reaktion folgte die Einhegung der Krim, einer Halbinsel am Schwarzen Meer. Dies gehörte in der Vergangenheit schon einmal zu Russland und die Armee hält einen strategisch wichtigen Stützpunkt auf der Krim. Deshalb wurde die Krim als Machthebel benutzt, um weiteren Einfluss auf die Ukraine ausüben zu können und um die eigene militärische Unabhängigkeit zu garantieren. Ein völkerrechtlich umstrittenes Referendum führte schließlich dazu, dass die Krim bereits wieder zu Russland gehört. Aus Sicht des Neorealismus war dies die einzige Möglichkeit Putins, um ein weiteres Erstarken und Näherrücken des Westens bis an die eigenen Grenzen zu unterbinden.


Habt Ihr Fragen oder Anregungen? Schreibt mir gerne eine Mail an tim.gottsleben@gmail.com.

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