„Der Pflegenotstand ist doch nichts Neues mehr“

Lara studiert im dritten Semester Medizin und hat durch ihr Studium nähere Einblicke in unsere gesundheitliche Versorgungssituation. Sie schildert im Interview unter anderem die Lage an ihrer Uniklinik und formuliert Hoffnungen und Forderungen, um das Gesundheitssystem auch nach der Krise nachhaltig zu stärken.

Lara, du hast für vier Wochen in einer Klinik ausgeholfen. Wie hast du die Entwicklung in der letzten Zeit wahrgenommen?

Ich habe die Entwicklung, ich würde fast sagen, in erster Linie fasziniert wahrgenommen. Wie die Stimmung von einem „Also was da in China/Italien los ist, ist ja der Wahnsinn, aber bei uns hier in der beschaulichen Kleinstadt sind wir ja sicher, da kann ja gar nichts passieren…“, zu einem: „Oh, jetzt haben wir in der Gegend unsere ersten Fälle und merken die Veränderungen im Klinikablauf schon deutlich. Irgendwie ist nichts mehr so wie es vor einer Woche noch war.“ Es wurde stückweise klar, dass die Lage schon deutlich ernster ist, als zunächst angenommen wurde.

Pflegekraft im Krankenhaus – wie lange geht die Überbelastung gut? Quelle:Pexels.com

Stoßen wir deines Erachtens schon an die Belastungsgrenzen unseres Gesundheitssystems?

Zum Verständnis, was dieses „stückweise“ bedeutet, vielleicht einmal der Ablauf der Entwicklungen in den letzten Wochen: die erste große Veränderung war eigentlich, dass Mitarbeiter und Besucher/Patienten in der Cafeteria räumlich voneinander getrennt wurden. Am Tag nach dieser Maßnahme wurde die Cafeteria dann ganz geschlossen. Relativ zeitgleich wurde eine Station als Isolierstation eingerichtet, also es wurden die nötigen Materialien bereitgelegt, Isolierwägen aufgestellt usw. Der nächste große Einschnitt war dann das Besuchsverbot. Das Klinikum wirkte danach fast „gespenstisch“, die leeren Gänge haben schon eine seltsame Atmosphäre erzeugt. Mittlerweile wurde im Eingangsbereich des Klinikums eine Art „Erstaufnahme“ aufgebaut, an der die Patienten nach möglichem Kontakt zu Corona-Infizierten und nach Symptomen befragt werden. Es wird Fieber gemessen und das korrekte Tragen des Mund-Nasen-Schutzes erklärt, der mittlerweile für das gesamte Personal, sowie gefährdete Patienten verpflichtend ist. Also insgesamt kann man schon sagen, dass eine besondere Stimmung herrscht. Aber trotzdem sind eigentlich die meisten Mitarbeiter noch relativ gelassen. Im Rahmen der Möglichkeiten wurden Vorkehrungen für den Ernstfall getroffen, die Belegung der Stationen wurde soweit wie möglich nach unten gefahren, um möglichst viele Ressourcen frei zu haben, und alles was jetzt passiert wird man abwarten müssen, eine Alternative gibt es ja leider nicht.

Wer leidet momentan am meisten darunter? Die übermüdete Krankenschwester oder der kranke Patient?

Ich denke, wir haben uns schon vor Corona nahe an dieser Belastungsgrenze bewegt. Ich beobachte mit Staunen momentan diese vielen Clips, die überall in den Medien zu finden sind, in denen den Ärzten und Pflegern für ihren Einsatz nahe an der Grenze ihrer Belastung gedankt wird. Aber dieser Zustand ist nun wirklich nichts neues mehr. Der Pflegemangel ist doch eigentlich schon seit Jahren bekannt – nur durch Corona wird er uns gerade einmal mit seiner vollen Wucht bewusst gemacht. Den Pflegekräften und Ärzten sollte nicht nur jetzt gedankt werden, sondern immer – denn sie arbeiten nahezu immer an der Grenze des machbaren, schließlich sind 24h-Schichten, 11-Tage Wochen und so weiter ja kein „Corona-gemachtes“ Problem. Ich habe die Hoffnung, dass wir aus dieser Krise jetzt vielleicht tatsächlich etwas lernen können: nämlich, dass es absolut keine gute Idee ist, das Gesundheitswesen zu vernachlässigen, dass es nicht hilft Stationen ökonomisch sinnvoll mit der minimalen Anzahl an Pflegekräften zu besetzen, weil wir dann nicht für den Ernstfall gewappnet sind usw..

Ärzte bei der Behandlung – hält unser System den Ansturm aus? Quelle: Pexels.com

Wie würdest du die Stimmung im Krankenhaus vor Ort beschreiben? Auf einer Skala von „Wir schaffen das“ bis „Wir sind vollkommen überlastet“.

Momentan ist die Lage in unseren Krankenhäusern, zumindest hier in der Gegend (gemeint ist Coburger & Lichtenfelser Raum), ja Gott sei Dank noch ziemlich ruhig, das heißt die Belastung für das Personal ist noch recht gering. Wie das Ganze dann in zwei Wochen aussieht, wenn tatsächlich der erwartete Pik der Infektionen kommen sollte, das kann ich nicht sagen. Auch da werden wir wohl wieder abwarten müssen und daraus für die Zukunft lernen. Für die Patienten, die momentan im Krankenhaus liegen wird natürlich alles getan, damit deren Versorgung zu keiner Zeit gefährdet ist. Was für die Patienten momentan vielleicht am schwierigsten ist, ist die Tatsache, dass sie keinen Besuch empfangen dürfen. Wenn man mehrere Wochen allein im Krankenhaus liegt, ich glaube, das zehrt schon an den Nerven. Trotzdem ist das Besuchsverbot eine sinnvolle Entscheidung gewesen.

Besteht durch die Coronawelle auch die Gefahr, dass andere Patienten zu kurz kommen könnten?

Wie gesagt, es wird alles dafür getan, die Versorgung der Patienten zu gewährleisten. Was natürlich passieren könnte, wäre die Einführung einer so genannten Triage. Hierbei müssen die Ärzte dann die Entscheidung treffen, welche Patienten beatmet werden und, welche nicht. Ein solches Verfahren wird zum Beispiel auch bei Unfällen mit sehr vielen Patienten angewandt. Es wird dabei in Kategorien eingeteilt: Patienten mit akuter vitaler Bedrohung, schwer verletzte, leicht verletzte und Patienten ohne Überlebenschance. Je nach Kategorie werden dann die entsprechenden Maßnahmen getroffen – oder eben keine mehr. Das sind schwerwiegende Entscheidungen, wahrhaft über Leben und Tod eines Patienten. Das wäre aber ein Szenario, das uns in Deutschland auch blühen könnte, sollte es tatsächlich dazu kommen, dass die nötigen Beatmungsgeräte für die Masse an Patienten fehlen.

Was wir in den nächsten Jahren angehen müssen, ist der Ärzte- und Pflegenotstand.

Was müsste deines Erachtens geändert werden für eine bessere Organisation unseres Gesundheitssystem?

Schwierige Frage… ich denke, wir haben momentan die Chance sehr viel über unser Gesundheitssystem zu lernen und hoffentlich schlauer aus dieser Krise zu gehen, als wir anfangs waren. Trotzdem denke ich, dass auch vieles schon richtig gemacht wurde, dass Deutschland sich wirklich sehr bemüht hat die richtigen Maßnahmen zu ergreifen. Was wir in den nächsten Jahren auf jeden Fall als Gesellschaft angehen müssen, ist der Pflegenotstand und der Ärztemangel. Die Gesellschaft wird immer älter – und das trifft nun mal auch auf die MitarbeiterInnen im Gesundheitswesen zu. Es muss dafür gesorgt werden, dass genügend Nachwuchs vorhanden ist, um die in Rente gehenden Mitarbeiter auszugleichen. Ansonsten werden wir vermutlich in einigen Jahren wieder eine Krise im Gesundheitswesen erleben – nur dann vielleicht ohne Virus.

Was ich außerdem schön fände, wäre, wenn man den Pflegekräften und Ärzten mehr zuhören würde, sie mehr in Entscheidungen einbeziehen könnte, die sie auch betreffen. Das würde sicherlich häufig helfen, wenn jemand der tagtäglich die Arbeit im Krankenhaus erlebt, bei politischen Entscheidungen mitreden dürfte.

Die Welt in Qurantäne – Corona hat sich überall auf der Welt verbreitet. Quelle: Pixabay.com

Wie geht es jetzt weiter mit deinem Medizinstudium?

Das wird sich zeigen. Momentan werden Medizinstudenten, vor allem die mit Vorerfahrungen, in sämtlichen Kliniken verstärkt als Arbeitskräfte mit eingesetzt. Das ist eine sinnvolle Entscheidung. Ansonsten liegt das Studium – wie auch alle anderen Studiengänge – erstmal auf Eis, wann und wie es weitergeht, dass wird sich hoffentlich in den nächsten Wochen herausstellen. Ein großes Problem haben momentan all jene Medizinstudenten, die am Ende ihres klinischen Abschnitts stehen und eigentlich in den kommenden Wochen ihr zweites Staatsexamen haben sollten… Es könnte passieren, dass die Prüfungen nicht stattfinden, und stattdessen das zweite und dritte Staatsexamen zusammengelegt werden. Gleichzeitig wird in den nächsten Tagen darüber entschieden, ob es möglich wird, dass Studenten nach dem Praktischen Jahr auch ohne drittes Staatsexamen eine vorläufige Vollaprobation erhalten, um als vollwertige Ärzte mitarbeiten zu können… Also es gibt momentan viele interessante Entwicklungen und ich warte jetzt einfach mal gespannt ab, was in den nächsten Wochen noch so passiert.

Vielen Dank für deine Antworten und deine Zeit, Lara. Alles Gute und bleib gesund!

Fazit – Was war hier neu gedacht?

Lara ermöglicht uns, aus ihrer Sicht als Medizinstudentin, einen anderen Blick auf die momentane Krisensituation zu werfen. Spannend für die Philosophie des Blogs ist der aufgebrachte Punkt, dass die jetzige Solidarität für Berufe im Gesundheitssystem eigentlich auch unabhängig von solch einer Krise gegeben sein sollte. Ich teile daher Laras Meinung, dass auch nach der Krise unser Gesundheitssystem stärker gefördert werden muss und ÄrztInnen und PflegerInnen ein stärkeres Mitspracherecht in der politischen Ausgestaltung erhalten.

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