#wirbleibenzuhause: Offensiver Neorealismus

Im zweiten Teil der Reihe, in der ich Euch in die Welt der internationalen Beziehungen einführe, stelle ich Euch John J. Mearsheimer und seinen Offensiven Neorealismus vor.

Quelle: Pexels.com

Wenn Du ganz viel Zeit hast, kannst Du Dir das Ursprungswerk der Theorie durchlesen: The Tragedy of Great Power Politics.

Wie der Name schon andeutet, handelt es sich hier um eine aggressivere Abwandlung des Neorealismus von Kenneth N. Waltz (siehe letzter Beitrag). Waltz stellte heraus, dass alle Sraaten aufgrund der Anarchie im internationalen System nach Sicherheit streben. Auf Bedrohungen wird mit Reaktionen geantwortet, die im Zuge des „Balancing“ im besten Fall eine bipolare Weltordnung nach sich ziehen.

John J. Mearsheimer teilte diese Auffassungen zunächst. Aber im Punkt des Maximums beim Streben nach Macht widersprachen sie sich. Waltz sagte, dass zu viel Macht die Gegenmacht so weit provozieren würde, dass sie wiederum Balancing betreibt. Deshalb muss ein Staat selbst so viel Macht anhäufen, wie es nur möglich ist.

„In an ideal world, where there are only good states, power would be largely irrelevant.“

John J. Mearsheimer

Das beste Mittel zur Sicherheit ist die Maximierung der Macht. Mearsheimer vertritt also einen unaufhörlichen Machttrieb, der darin gipfelt, dass man zur Hegemonie („Chefmacht“ in einem Bündnis) aufsteigt.

Dazu führt, dass sich Mearsheimers Offensiver Neorealismus faktisch nur auf Großmächte anwenden lässt. Die Machtpolitik von Luxemburg kann man mit dem Offensiven Neorealismus nicht beleuchten, sondern nur die von den USA bzw. der NATO, China und allenfalls Russland.

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Ist man als Staat zur Hegemonie aufgestrebt, indem man viele andere kleine Staaten an sich gebunden hat, was als Bandwagoning bezeichnet wird (wie der „Bandwagoner“ als Erfolgsfan beim Fußball), hat man ein Machtlevel erreicht, das einen quasi unanfechtbar werden lässt. Es wäre ein unkalkulierbares Risiko und nahezu törricht, diese Großmacht mit ihrer wirtschaftlichen und militärischen Stärke herauszufordern.

Im Fall von Russland und den USA reicht es also, 1000 nukleare Sprengkörper im Keller zu haben. Man wäre für den Gegenschlag gerüstet, aber niemand würde einen Erstschlag gegen diese Großmacht wagen.

Oder in der Sprache von heute: Chabos wissen, wer der Babo ist.

Beispiel: Konflikt zwischen den USA und dem Iran

Zu Beginn des Jahres 2020 schien der Konflikt zwischen den USA und dem Iran zu eskalieren. Angefangen hatte dies, als die im Irak stationierten US-Streitkräfte den iranischen Generals Soleimani mit einem Drohnenangriff gezielt getötet haben. Dieser Akt ist in zweierlei Hinsicht als offensive Aktion anzusehen – um die eigene Macht dadurch relativ zu steigern, dass man die des Iran schwächt.

Zunächst symbolisiert ein solcher militärischer Erstschlag die Bereitschaft der USA, den Iran weiter in seiner Souveränität und Sicherheit einzuschränken. Ohne, dass eine akute Gefährdung der USA verlag. Vielmehr ist dies als Rekation auf das Aussteigen des Iran aus dem Atomabkommen zu verstehen. Der Schlag war nach wirtschaftlichen Sanktionen die unmissverständliche Warnung: Bis hierhin und nicht weiter!

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Des Weiteren lässt sich die Art des Erstschlages auf Informationen der amerikanischen Geheimdienste zurückführen, wonach ein Schlag seitens des Iran gegen die USA unmittelbar bevorstünde. Den federführenden General hinter diesen Plänen schaltete Trump somit gezielt im Voraus aus. Deshalb ist diese offensive Aktion ebenso als Zweck zum Selbstschutz zu verstehen: Bevor Du auf mich schießt, schieße ich auf Dich.

Man könnte hier diskutieren, ob sich der Schlag eher mit dem Defensiven oder Offensiven Neorealismus erklären ließe. Aber meiner Ansicht nach ist diese Aktion aufgrund des Machtungleichgewichts zwischen den USA und dem Iran mit dem Offensivem Neorealismus zu erklären: Die Amerikaner hätten es aufgrund ihrer Position im internationalen System nicht nötig, ihre Macht zum alleinigen Zweck der Verteidigung auf diese Weise unter Beweis zu stellen. Im Defensiven Ansatz werden solche Aktionen als ultima ratio (wenn es kein milderes Mittel gibt) verstanden. Das war hier offensichtlich nicht der Fall, sondern wollte seine Macht offensiv unter Beweis stellen.

Wenn es die Hegemonie USA als notwendig erachtet, aufgrund von unbestätigten Informationen des Geheimdienstes eine solche militärische Eskalation provozieren, ist dies schwer mit dem Defensiven Neorealismus zu begründen.


Hast Du Fragen oder Anmerkungen? Schreib mir gerne eine Mail an tim.gottsleben@gmail.com.

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