Tauziehen um Autokraten?

Die Präsidenten Russlands und der Türkei
Quelle: Handelsblatt

Die Türkei ist seit 1952 Mitglied des westlichen Militärbündnisses, der NATO. Auch nach Ende des Kalten Krieges stellen die Russen eine der größten Bedrohungen für dieses Bündnis dar. An dieser Stelle kristallisiert sich allmählich ein machtpolitisches Tauziehen heraus – und das ausgerechnet um Erdogan.

Nicht erst seit dem Böhmermann-Streit ist bekannt, welches Selbstverständnis der türkische Präsident von sich und seinem Staat hat. Dass im eigenen Land die Grundfreiheiten eingeschränkt, Diplomaten als Terroristen bezeichnet und Verbechen gegen Kurden begangen werden, verdeutlicht, wohin die Reise mit Erdogan gehen soll. Die Türkei stellt also momentan allein aufgrund seiner Innenpolitik alles andere als einen Freund in der NATO dar.

Das sah im Kalten Krieg noch ganz anders aus: Was als „Kuba-Krise“ bekannt wurde, war eine Reaktion auf die Stationierung von Atomwaffen der USA (sogenannte Pershing-Rakten) in der Türkei. Der ehemalige Orient stellte aufgrund seiner geographischen Nähe zur UdSSR einen strategisch wichtigen Partner dar.

Und heute? Heute geht Erdogan aus Eigeninteresse gegen kurdische Milizen im türkisch-syrischen Grenzgebiet vor und verabredet sich zu zahlreichen Treffen mit dem russischen Präsidenten, mit dem über das Vorgehen im Syrien-Krieg entschieden wird. Das unheilvolle Zeichen davon für den Westen: Wir sind nur Zuschauer.

Auf der anderen Seite erpresst Erdogan einen Milliardendeal mit der Europäischen Union, um letztlich doch auf passende Gelegenheiten zu warten, mit der Absicht tausende Flüchtlinge als „Strafe“ für außenpolitisches Verhalten an die Außengrenze der EU zu schicken. Die Türkei sucht bewusst den Streit mit den europäischen Staaten, während sie Kriege führt und mit dem Rivalen Nummer 1, den Russen, Geschäfte macht und Vereinbarungen trifft.

Jetzt stellt sich die Frage: Warum ist die Türkei dann überhaupt noch in der NATO bzw. warum sollten sie bleiben dürfen? Die Antwort hierauf ist kurz: Weil wir sie brauchen. Und das ist Erdogan bewusst.

Mitgliedsstaaten der NATO
Quelle: https://www.frieden-und-sicherheit.de/strategien-buendnisse/die-nato

Ein Blick auf die Landkarte zeigt, dass die Türkei den „Ostzipfel“ der NATO darstellt. Die jahrzehntelange Expansion der Organisation in Richtung Osten hätte mit dem Austritt Ankaras ein frühzeitiges Ende. Gleichzeitig würde man Russland die Chance geben, sich erneut Georgien zuzuwenden. Die Türkei als zweitgrößte Truppenmacht im Ostteil der NATO zu haben, nimmt eine wichtige Rolle zur Abschreckung des Kremls ein.

Gleichzeitig stellt die Türkei einen wichtigen Teil der Küste des Schwarzen Meers dar. Die Krim-Krise hat gezeigt, dass mit Russland nicht zu spaßen ist, wenn es um die militärische Positionierung an diesem Gewässer geht. Von diesem Gebiet abzurücken, wäre ein fahrlässiger Dämpfer für die Sicherheit in Südosteuropa.

Der türkische Präsident weiß um die passive und etwas geschwächte Rolle Europas in der heutigen Zeit. Gleichzeitig wird ihm jedoch auch bewusst sein, langfristig Mitglied der EU werden zu wollen und sowieso in der NATO bleiben zu müssen.

Erdogan kann seine Rolle im Moment als Trumph ausspielen, um kurzfristig selbst finanz- und machtpolitisch zu profitieren. Sollten sich die diplomatischen Spannungen weiter zuspitzen, muss die NATO politisch deutlich aktiver werden und die Beziehungen zum Bosporus verbessern. Ob Autokratie oder Demokratie: Die Sicherheit des gesamten Westens muss hier eine wichtigere Rolle spielen, als die Verhältnisse im Inland.

Dass US-Präsident Trump nun Sanktionen gegen die Türkei verhängt hat, ist auch kein gutes Zeichen nach außen: Wenn sich Staaten innerhalb der NATO gegenseitig bestrafen und der Zusammenhalt zu bröckeln beginnt, ist das umso mehr ein Grund für Russland weiter um die Gunst der Türkei zu buhlen.

Ob sich Putin weiterhin auf ein machtpolitisches Tauziehen mit dem Westen einlässt, bleibt Spekulation. Das Risiko, die Türkei zu verlieren, entblößt jedoch die Strategie des Westens für diesen Fall: Wir werden um Erdogan kämpfen müssen.

Was war in diesem Artikel neu gedacht? Das war der Gedanke, dass wir uns trotz aller Zustände in der Türkei besser um unseren NATO-Partner kümmern sollten. Wir können es uns wegen unserer eigenen Sicherheit nicht leisten, die Türkei zu verlieren.


Bitte bleib gesund!

Hast Du Fragen oder Anmerkungen oder setze ich zu viel Vorwissen voraus? Schreib mit gerne Deine Anregungen per Mail an tim.gottsleben@gmail.com.

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