Überflieger mit Rückenwind – Sebastian Kurz im Porträt

Österreichs Staatsoberhaupt Kurz kann sich nicht zuletzt in Zeiten der Corona-Krise durch richtige Maßnahmen auszeichnen, welche ihm rekordverdächtige Beliebtheitswerte bescheren. Ein Blick auf seine Karriere bringt Aufschluss über Talente und Kalkül.

Es sei die Zeit der Exekutive. Ein dieser Tage beliebt gewordener Spruch, oftmals zu hören aus zerknirschten Gesichtern von führenden Oppositionspolitikern. Und in der Tat: Die Corona-Krise wirft den Blick verstärkt auf die Maßnahmen der einzelnen Regierungsverantwortlichen, welcher – wenn man nun nach Ländern sucht, die sich durch besonnenes und gutes Krisenmanagement auszeichnen – schnell auf Österreich fällt. Doch nicht nur die jetzige Krise zeigt eine Besonderheit im 8 Millionen Einwohnerstaat.

Bundeskanzler mit 31 Jahren: Sebastian Kurz.

Das Alpenland wird seit 2017 von dem jüngsten Regierungschef der Welt regiert: Sebastian Kurz. Mit 27 Jahren war der Wiener bereits österreichischer Außenminister, im Alter von 31 Jahren erklomm er schließlich die letzte Stufe der politischen Karriereleiter als Bundeskanzler der Republik Österreich. Doch was steckt hinter dieser bemerkenswerten Person?

Seine Risikobereitschaft ließ der angehende Kanzler sogleich aufblitzen, als er 2017 mit der rechtspopulistischen Partei „ÖVP“ eine Koalition einging. Für die Sicherung seiner neuen Position als Bundeskanzler ging er somit einen Pakt mit teils rechtsnationalen und rassistischen Politikern ein. Durch das im Mai 2019 als „Ibiza-Affäre“ bekannt gewordene Video mit FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache und einer russischen Oligarchin, das die Bereitschaft zu krummen Geschäften offenlegte, zerbrach schließlich die Koalition. Kurz löste die Regierung auf, konnte bei den anschließenden Neuwahlen als großer Gewinner mit starken Zugewinnen hervorgehen und regiert nun seit 2020 mit der Grünen Partei in einer neuen Koalition.

Mit 25 Staatssekretär, mit 27 Außenminister, mit 31 Bundeskanzler Österreichs.

Und auch jetzt profitiert der junge Kanzler: Durch frühzeitig strenge Maßnahmen und weitreichende Kontaktsperren konnte Österreich seine täglichen Neuinfektionen auf einen zweistelligen Betrag deutlich herunterfahren (15.650 Infizierte, 606 Tote; Stand 5. Mai 2020 – Johns Hopkins University). Dadurch kann das Land mittlerweile Schritt für Schritt wieder hochgefahren werden, die Bevölkerung dankt es Kurz mit einem Vertrauensindex von rekordverdächtigen 74 Prozent (Meinungsforschungsinstitut OGM).

Doch was macht diesen jungen Politiker so erfolgreich?

Die Bewältigung all seiner Herausforderungen, siehe „Ibiza-Affäre“ oder Corona-Krise, ließ wohl viele Kritiker verstummen, die Kurz als zu unerfahren und jung für diese politischen Ämtern hielten. Walter Mayr, Korrespondent des Spiegel (Artikel „Sebastian der Große“, 18.04.2020), fasst es nach Rückfrage so zusammen: „Der steile Aufstieg von Sebastian Kurz ging ja in Wahrheit gar nicht so rasant vor sich. Der heutige Kanzler hat bereits in der ÖVP-Jugendorganisation beharrlich Netzwerke geknüpft, auf die er später bei der partei-internen Machtübernahme zurückgreifen konnte […].“ Neben seinem „kommunikativen Talent“ zeichne sich Kurz auch „durch Risikofreude gepaart mit strategischem Denken aus.“

In der Tat sorgt ein zweiter Blick auf Kurz´ Karriere für einen besseres Verständnis seiner politischen Laufbahn. So war der Wiener bereits seit 2009 Bundesvorsitzender Jungen Volkspartei (JVP), dessen Amt er bis zum Antritt als Bundeskanzler 2017 innehatte. Kurz muss also hier eine Art Sprungbrett gefunden haben, um sich parteiintern weiter an die Spitze vorzuarbeiten. Seine innerparteiliche Stellung wird nun immer mehr durch äußerliche Faktoren bestimmt, so sorgt doch sein Regierungsstil bei neuesten Umfragen für die ÖVP (seine Partei) zu bemerkenswerten 48 Prozent (Kurier, 28.04.2020). Die Seite der „neuen Volkspartei“ gleicht dafür auch mehr einer One-Man-Show als der klassischen Wiedergabe einer Partei mit vielen Gesichtern.

Hat die Exitstrategie bereits fest im Blick: Bundeskanzler Kurz.

Neben der bereits erörterten Risikobereitschaft ist auch das strategische Denken eine zutreffende Beschreibung. So hat Kurz nicht nur mit 59 Mitarbeitern allein für den Bereich Kommunikation im Kanzleramt neue Maßstäbe gesetzt, er koalierte bisher auch immer mit der Partei, die ihm in der Opposition am meisten hätte gefährlich werden können. Zwar war die Flüchtlingskrise 2017 bereits abgeflacht, doch die FPÖ konnte damals mit teils ausländerfeindlichen und sehr patriotischen Tönen mit 26 Prozent das zweitbeste Ergebnis ihrer Geschichte einfahren. Kurzer Hand nahm Kurz sie mit in die Regierung, ein weiteres Schimpfen auf die Regierung war nun für die „Freiheitlichen“ nicht mehr möglich, waren sie doch selbst an ihr beteiligt. Das gleiche Phänomen ereignete sich mit den Grünen, die aufgrund von der aufkommenden Klimadebatte mit 13,9 Prozent ihr bestes Ergebnis bei einer Wahl einfahren konnten. Wieder vereinbarte Kurz eine Koalition mit der Partei, die anscheinend den Puls der Zeit traf und nahm deren Popularität und Rückenwind einfach mit in die Regierungsverantwortung, ein genialer Zug.

Sebastian Kurz setzt mit seiner beispiellosen Karriere neue Maßstäbe. Ohne Studium und große Anläufe eroberte er mit gerade einmal 31 Jahren durch sein kommunikatives Talent, seine Risikobereitschaft und sein strategisches Kalkül das österreichische Kanzleramt. Doch wie geht es nun weiter, wenn man bereits so früh auf der Spitze des Berges angekommen ist? „Solange er sich keine maßgeblicheren Fehler zuschulden kommen lässt, oder es zumindest schafft, sie wie die Versäumnisse anderer aussehen zu lassen, dürfte seine Autorität keinen wesentlichen Schaden nehmen,“ konkludiert Mayr. So führt er noch an: „Nicht ausschließen würde ich, dass er irgendwann nach Höherem als dem Kanzleramt in Wien strebt.“ Es bleibt abzuwarten, wie sich jene Karriere fortsetzt. Eines ist bloß bereits sicher: Die Zeit der Exekutive ist Kurz´ „Prime time“.

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