Aktivismus per Story – warum das nicht funktioniert

Dieser Tage teilen wir nicht nur noch unsere privaten Urlaubsfotos, Spielabende oder Feiern mit unserer Internet-Community, sondern auch mit #jesuischarlie oder #blacklivesmatter unsere politischen Grundwerte. Warum dies aber keineswegs seinen Zweck erfüllt…

Ob „Männerwelten“ oder „#icantbreathe“. In den vergangenen Wochen kam wohl kein aktiver Instagram-NutzerInnen um diese Themen herum. Denn sie polarisieren, indem Videos gegen Frauenmissbrauch oder Rassismus von Abertausenden geteilt oder kommentiert werden. Doch ändert sich dadurch etwas? Oder ist es nicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein?

Eine Ausstellung mit unerwarteten Abgründen: „Männerwelten“ Anfang bei auf Pro Sieben. Quelle: ProSieben.de

Instagram-Stories. Sie sind mittlerweile ein fester Bestandteil der täglichen Internetroutine. Wir teilen pausenlos unseren Treff mit Freunden, den neuen Lieblingssong oder unsere momentane Gefühlswelt. Und das vor dem Großteil unserer Follower, die so leidenschaftlich wie unermüdlich unseren Wunsch nach Bestätigung und Aufmerksamkeit mit Anschauen oder Reaktionen nachkommen.

Doch jene Stories werden zunehmend nicht nur für die Zurschaustellung des Ichs verwendet, sondern auch zur politischen Gesellschaftskritik. So wurde das Video über die Ausstellung „Männerwelten“ von Joko & Klaas in zahlreichen Stories verlinkt und millionenfach gesehen. Auch „#icantbreathe“ in Anlehnung an die wahrscheinlich rassistisch motivierte Drangsalierung des afroamerikanischen George Floyd bewegte die Internetwelt.

Es steht außer Frage, dass durch Verbreitung solcher Videos und Hashtags das Augenmerk auf gesellschaftliche Probleme gelenkt wird. Es ist auch lobenswert, dass sich viele Menschen anscheinend für mehr Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau einsetzen oder gegen Rassismus einstehen. Doch tun sie das wirklich?

War das Filmen der Drangsalierung von George Floyd wichtiger als tatsächliches Eingreifen, um dessen Leben zu retten?

Instagram macht uns zu Couch-FeministenInnen und Couch-Anti-RassistenInnen. Das Bekennen zu einem Ereignis kann aber nicht die wahre Zivilcourage ersetzen, die es tatsächlich benötigt, um Missstände aufzudecken. War das Filmen der Drangsalierung von George Floyd wichtiger als tatsächliches Eingreifen, um dessen Leben zu retten? Diese Frage lässt sich wohl nicht eindeutig beantworten, aber genau dieser Frage müssen wir uns stellen. Denn es zeigt die Problematik und den Unterschied zwischen digitaler Meinung und analogem Handeln.

Denn das Beobachten einer rassistischen Tat verhindert diese genauso wenig wie der Gaffer auf der Autobahn den Unfall. Sie verbreiten bloß das Ereignis in der Gesellschaft, aber erzwingen keine gesellschaftliche Veränderung. Was hält all jene davon ab auch in der Realität für mehr Gleichberechtigung o.ä. einzutreten? Dies bedarf keiner Anteilnahme wie „#jesuischarlie“ oder „#icantbreathe“, sondern reales #handeln! Wie sind denn die bekannten Widerstandskämpfer unserer Zeit wie Martin Luther King oder Mahatma Ghandi bekannt geworden? Sie handelten gegen das bestehende System und erzwangen auf ihre Art einen gesellschaftlichen Wandel. Nun, nicht jeder mag die Redegewandtheit eines Martin Luther King und die Entschlossenheit eines Mahatma Ghandi besitzen. Doch können wir doch durch kleine Taten unsere Gemeinschaft nachhaltig verändern. Das kann das Anprangern von Diskriminierung beim Einlass des nächsten Clubbesuchs sein oder auch das Verhindern von sexueller Belästigung statt einfachen Ignorierens. Eine Instagram-Story ist es wohl kaum.

Kann überall und jederzeit stattfinden: Diskriminierung. Quelle: Pixabay.com

Veränderung findet nicht auf der Couch statt, wenn es uns mal gerade passt, einen Hashtag in die Welt zu setzen. Wir beruhigen doch eher damit unser Gewissen etwas Gutes getan zu haben, genauso wie es die alljährliche Spendenaktion vor Weihnachten für notleidende Kinder tut. Dass die Not in diesem Beispiel nicht nur an Weihnachten existiert, sollte uns eigentlich genauso klar sein wie die Tatsache, dass auch Rassismus und Frauenfeindlichkeit auch nach einer Instagram-Story weiter bestehen bleibt. Nur wenn auch bewusstes Handeln daraus resultiert, kommt die Story nicht nur auf die Couch, sondern auch in die Gesellschaft für eindeutige Veränderungen.

Was war neu gedacht?

Dieser Artikel wirft einen kritischen Blick auf die Entwicklung polarisierender Themen im Internet, die augenscheinlich für mehr Aktivismus und Gerechtigkeit in der Welt sorgen. Das könnte zumindest aus dem zahlreichen Bekennen gegen Frauenfeindlichkeit und Rassismus in den Instagram-Stories hervorgehen. Doch meines Erachtens ist diese Annahme mehr eine Schein- als Seinwelt. Diese Problematik ist in Zeiten von Instagram & Co aktueller denn je.

Was ist deine Meinung? Schreibe uns doch auf Instagram oder per Kommentarfunktion!

2 Gedanken zu “Aktivismus per Story – warum das nicht funktioniert

  1. Susann Uckan sagt:

    Mich hat das schon immer gestört, dass jeder im Netz die einfachere mediale Methode wählte, auf Missstände aufmerksam zu machen – mal so richtig Stellung zu nehmen – aber dann aus Bequemlichkeit keinen Schritt weiter zu gehen. Hauptsache das Gewissen ist beruhigt, weil auf Missstände aufmerksam zu machen immerhin schon mehr ist, als sie zu ignorieren. Blöd nur, dass sich dadurch nie etwas ändert. Wenn nämlich alle darauf warten, dass andere schon aktiv etwas dafür tun werden, dann warten all…und warten und warten…

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    1. León Eberhardt sagt:

      Hallo Frau Uckan,
      Vielen Dank für Ihren Kommentar. Es freut mich, dass Sie einer ähnlichen Auffassung sind!
      Gerade die junge Generation scheint hierbei relativ unreflektiert bei trendigen Hashtags ohne eigene Meinungen und Gedanken mitzuwirken.

      Gefällt 1 Person

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