Der Fall des Überfliegers

Philipp Amthor steht vor seiner ersten großen politischen Krise. Eine Chronologie seines bisherigen Schaffens.

Er galt als der große Hoffnungsträger der CDU, gerade für die junge Wählerschaft. Philipp Amthor erlebte bis vor zwei Wochen wohl den traumhaften Start auf die große Politikbühne, wie sie sich ein jeder erträumen würde. Mit gerade einmal 24 Jahren schaffte der aus Mecklenburg-Vorpommern stammende Jurist den Schritt in den Bundestag und konnte sich bereits 2018 mit Redebeiträgen gegen schlecht ausgefeilte AfD-Anträge durch seinen Sitz im Innenausschuss hervortun. Amthor, der trotz seiner höchst konservativen Gesinnung (z.B. Nein zur Homo-Ehe) bei der Jugend überraschend gut ankam, erreichte für die CDU eine ganz neue Wählerschaft. Auftritte Amthors wurden im Internet frenetisch gefeiert, wurden oftmals millionenfach auf YouTube geklickt. Auch sein „Hey Rezo, du alter Zerstörer“-Auftritt bei Markus Lanz minderte seine Popularität keineswegs.

Der große Aufsteiger dieser Wahlperiode: Philipp Amthor.

Die Karriere Amthors lief demnach wie geschmiert. Seine Kritiker, die durchaus argwöhnisch beobachteten, dass ein junger Ostdeutscher innerhalb von drei Jahren nach Sternen griff, die für manche erst nach jahrzehntelanger Arbeit zu erreichen waren. Er wäre wohl CDU-Landesvorsitzender in Mecklenburg-Vorpommern geworden und somit als Spitzenkandidat gegen Manuela Schwesig (SPD) bei der nächsten Landtagswahl in´s Rennen gegangen. Aber auch ein Aufstieg zum parlamentarischen Staatssekretär im Innenministerium in absehbarer Zeit galt als nicht unwahrscheinlich.

Mehr Schein als Sein?

Der rasante Aufstieg Amthors konnte wahrlich nur durch ein außergewöhnliches Ereignis gestoppt werden. Und diese Grube schaufelte er sich selbst: mit seiner Gier. Zusätzlich zu seinem Bundestagsdiäten arbeitete er bei der Kanzlei „White & Case“ als freier Mitarbeiter. Dabei stellte sich nun – für viele überraschend – heraus: Amthor ist gar kein Volljurist, sondern legte nur das erste Staatsexamen ab. Somit könnte er gar nicht als freier Anwalt, Notar oder Staatsanwalt tätig werden. Doch warum sollte eine weltweit tätige Kanzlei einen Halbjuristen engagieren? Wohl eher wegen seines Netzwerks, kaum wegen seiner juristischen Fachkenntnis.

Lobbyismus – zu wenig Transparenz in der Politik?

Das besagte Netzwerken schlägt die Brücke zu der zweiten Tätigkeit bei der amerikanischen Firma „Augustus Intelligence“, die laut SPIEGEL-Recherche in Verbindung steht mit der Kanzlei „White & Case“. Verbindungsmann für diesen Kontakt: Philipp Amthor.

Er reiste nach New York oder Korsika, um sich dort in teuren Hotels mit Vertretern hiesiger Unternehmen zu treffen. Wer Amthor diese Reisen nun zahlte, hat er bis heute nicht offengelegt. Diese Tatsache nimmt alles andere als Druck von seinen Schultern. Eines der bisher belastbarsten Details ist, dass Amthor nachweislich per Brief u.a. an Wirtschaftsminister Peter Altmaier bezahlten Lobbyismus für „Augustus Intelligence“ betrieb, da er von dieser gleichzeitig auch Aktienoptionen erhielt. Ach ja, Ex-Verfassungsschutzchef Maaßen und Ex-Verteidigungsminister von Gutenberg sind auch an der Firma beteiligt. Aufgrund des Interessenkonflikts, dass Maaßen im Untersuchungsausschuss des Breitscheidplatzes angehört werden wird, legte Amthor als erste Konsequenz dort sein Amt nieder. Auch seine Kandidatur für den Landesvorsitz von Mecklenburg-Vorpommern zog er zurück.

Amthors Gier bringt ihn um Ruhm und Lohn

Die Frage aller Fragen dieser Lobby-Affäre bleibt wohl die nach dem „Warum“. Warum musste ein so junger Emporkömmling sich so stark von Lobbyisten einspannen lassen? Philipp Amthor wollte anscheinend mehr als nur Bundestagsdiäten von 10.000 Euro pro Monat. Und das, obwohl diese Gehaltsklasse für einen so jungen Abgeordneten wohl nichts anderes als einen Quantensprung in Sachen Gehalt bedeutet. Sein Streben nach außerparlamentarischen Einkünften kann daher nur mit einem Wort beschrieben werden: Gier. Diese wird ihm nun zurecht zum Verhängnis.

Amthors Gier bringt in um Ruhm und Lohn.

Das Ende vom Lied: Neustart oder Weiter so?

Die teils immer noch ungeklärten Umstände seiner außerparlamentarischen Engagements zeugen wohl davon, dass das ganze Bild seiner Lobbyismus-Aktivitäten wohl wesentlich verstrickter und bedenklicher für ihn sind als bisher bekannt. Denn was würde ihn bei tatsächlicher Unschuld von der Veröffentlichung aller nötigen Dokumente abhalten, z.B. wer ihm die Reisen nach New York oder Korsika zahlte?

Zumindest zeigt Amthor eine gewisse Ehrlichkeit und Charakterstärke, indem er die Spitzenkandidatur für den Landesvorsitz der CDU in Mecklenburg-Vorpommern zurückzog. Auch das Niederlegen seines Amtes im Untersuchungsausschuss Breitscheidplatz ist richtig. Gleichzeitig schwänze Amthor die Bundestagsdebatte zu einem möglichen Lobbyregister für Bundestagsabgeordnete. Hier hätte er durch ein klares Statement seinen Kritikern zuvorkommen können. Summa summarum werden seine Lobbyaktivitäten einen gehörigen Dämpfer für seine politische Karriereleiter bedeuten. Vielleicht wäre auch ein Rückzug aus der Politik für eine gewisse Zeit sinnvoll, um neue Kraft zu schöpfen und das eigene Profil wieder aufzupolieren. Amthors Verbündeter ist die Zeit, denn von dieser hat er noch genüge. Doch dieser Skandal wird ihn dazu zwingen in Zukunft anders zu handeln, hoffentlich vernünftiger.

Was war neu gedacht?

Die Darstellung des Artikels fußt auf der chronologischen Darstellung Amthors Karriere auf Bundesebene. Das neue ist viel mehr der Vorschlag, dass er als Konsequenz sich aus der Politik zunächst zurückziehen sollte. Diese kritische Beurteilung ist daher unser Beitrag zu dieser Lobby-Affäre.

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