„Wir müssen unser Land ökologisch, ökomisch und sozial transformieren“

Seit Christian Lindner sein neues designiertes Vorstandsteam vorstellte, weht neuer Wind in der Bundeszentrale der Liberalen. Neben der Personalie Volker Wissing als Generalsekretär liegt das auch am designierten Schatzmeister der FDP: Harald Christ. Jahrelang waren seine wirtschaftlichen Kompetenzen in der SPD gefragt. Nach seinem Parteiwechsel Anfang des Jahres bringt er nun die Neuausrichtung der Liberalen maßgeblich voran. Wir durften ein paar Fragen stellen, um den Unternehmer und Menschen Harald Christ näher kennenzulernen.

PNG: Herr Christ, wie hat Deutschland Ihrer Meinung nach die Corona-Krise wirtschaftlich gegen Ende August 2020 überstanden?

Harald Christ: Im Vergleich zu anderen Staaten ist Deutschland bisher gut durch die Krise gekommen. Hier müssen wir aber differenzieren: Es gibt Branchen, die sehr stark betroffen sind. Diese sind auch aktuell noch weit von jeder Normalität entfernt, wie zum Beispiel Fluggesellschaften, Teile des stationären Handels, Teile der Gastronomie sowie Hotellerie, Veranstaltungsgewerbe, Kultur und Messen, um nur einige zu nennen. Hier ist die gefühlte „öffentliche Lage“ besser als die Realität. 

 Wird diese Krise unsere Art des Wirtschaftens nachhaltig ändern?

Das lässt sich immer sehr schwer vorhersagen und ich neige nicht dazu schwarz zu sehen. In jedem Fall wird es bleibende und langfristige Schäden hinterlassen und sicher auch Verhaltensänderungen mit sich führen. Generell gilt aber, dass es nach der Krise wieder aufwärts geht und die Chance besteht, die gewonnene Erfahrung für die Zukunft zu nutzen. 

Ist das von der Bundesregierung ausgestellte Konjunkturpaket ausreichend und zielführend, um den Wirtschaftsstandort Deutschland nachhaltig zu unterstützen?

Zunächst einmal ist es gut, dass es überhaupt ein Konjunkturprogramm gibt. Zufriedenstellen wird man damit nie alle Interessen. Ich selbst zum Beispiel bin skeptisch, dass die befristete Reduzierung der Umsatzsteuer den gewünschten Effekt bringen wird. 

Trat der FDP im März 2020 bei und ist nun designierter Bundesschatzmeister: Harald Christ. Quelle: christundcompany.com

Wie würden Sie die Auswirkungen eines zweiten Lockdowns für den Wirtschaftsstandort Deutschland einschätzen?

Den müssen wir mit aller Kraft und vorbildlichem sowie bewusstem Verhalten gegenüber unseren Mitmenschen verhindern. Das Szenario wäre eine Katastrophe für die Bürger und die Wirtschaft in unserem Land. Ich bin aber zuversichtlich, dass es soweit nicht mehr kommen muss. 

Sie sind Anfang des Jahres in die FDP eingetreten. Was erhoffen sie sich von den Liberalen in den nächsten Jahren auf Bundesebene?

Von meiner Partei erhoffe ich mir, dass sie nächstes Jahr in sechs Landtagswahlen und bei der Bundestagswahl möglichst gut abschneidet und an vielen Regierungen beteiligt sein wird. Es braucht eine stärkere FDP, um Rot-Rot-Grüne (eine Regierung unter SPD-Führung mit Grünen und Linke, Anm. d. Red.) oder Grün-Rot-Rote (Regierung unter Grünen-Führung mit SPD und Linke, Anm. d. Red.) Mehrheiten zu verhindern. Wir stehen vor einer gigantischen Herausforderung und müssen unser Land ökologisch, ökonomisch und sozial transformieren. Das geht nicht mit der ideologischen Scheuklappe. Hier ist es wichtig, das Große und Ganze, aber vor allem das Machbare, zu sehen. Auch immer wieder darauf zu achten, dass die Freiheit eines Einzelnen nicht auf der Strecke bleibt. Die Krisen, die wir gerade durchleben, eignen sich dazu, durchaus wichtige Notmaßnahmen dauerhaft zu etablieren. Die Freien Demokraten werden darauf einen kritischen Blick werfen. 

Harald Christ und Parteichef Christian Lindner bei der Unterzeichnung des Mitgliedsantrags für die FDP. Quelle: liberale.de.

Um dies zielstrebig durchzusetzen, kommt die FDP nicht um eine Regierungsbeteiligung auf Bundesebene drumherum. Welche Konstellation, vorausgesetzt sie landet zwischen 5-10 Prozent, wäre hierfür die günstigste?

Das wären jetzt alles Spekulationen. Am Ende entscheiden die Wählerinnen und Wähler. Verantwortung für eine stabile Regierung tragen dann alle, die daran beteiligt sind. Kurzum – die FDP sollte deutlich stärker werden als die Linke und so stark sein, dass sie sich aktiv an einer neuen Bundesregierung beteiligen kann. 

Sie stehen für wirtschaftsfreundliche, aber auch sozialverträgliche Politik. In der FDP gelten Sie als Paradebeispiel für den sozialen Aufstieg. Mit welchen Maßnahmen möchten Sie dieses Versprechen in die nächste Generation tragen?

Mir ist vor allem der Dialog mit den nächsten Generationen wichtig. Ich halte wenig davon, immer alles vorzugeben und danach zu schauen, ob es wirkt und wie es ankommt. Also lade ich hier gerne ein, mitzumachen und auch Verantwortung zu übernehmen. Sozialer Aufstieg setzt voraus, dass wir eine gezieltere Förderung junger Familien, von Kindern sowie deutlich bessere Bildungspolitik ermöglichen. Wirtschaftspolitik im übertragenen Sinne beginnt bereits in der Vorschule und Schule, denn dort werden sehr wichtige Weichen gestellt. Ich denke aufgrund meiner eigenen Erfahrungen, dass ich hier einen wertvollen Beitrag leisten kann.

 „Sozialer Aufstieg bedeutet, dass wir die Chancen deutlich verbessern sollten, um diesen zu ermöglichen.“

Harald Christ

Unsere Generation wird den Corona-Schuldenberg früher oder später verantworten müssen. Die Politik konnte auch in der Umweltpolitik oder Sozialpolitik keine guten Antworten in den letzten Jahren präsentieren. Die gesetzliche Rentenversicherung beispielsweise gilt als gescheitert. Stand jetzt sieht es so aus, dass Generation Y & Z wohl sehr viel länger arbeiten müssen und deutlich weniger Rente erhalten werden als der heutige Standard. Mit welchen politischen & wirtschaftlichen Maßnahmen kann man dieser düsteren Zukunft entgegentreten?

Es liegt in der Natur der Sache, ob man das gut oder weniger gut findet, dass die Kinder immer übernehmen, was die Generationen davor hinterlassen haben. Im Guten wie im Schlechten. Es wird schon bald die Zeit kommen, wo die Generationen Y & X die gleichen Fragen gestellt bekommen. Was die Lebensarbeitszeit angeht, dürfen wir nicht unberücksichtigt lassen, dass die Lebenserwartung und auch die Lebensqualität heute wesentlich höher und besser ist als noch vor 100 Jahren. Ich bin der Meinung, dass wir die Gesellschaft und die Generationen nicht spalten oder gegeneinander ausspielen dürfen. Für mich gehören die jungen wie die alten Menschen gleichermaßen zu unserer Gesellschaft. Ich verstehe die Sorgen und Ängste der jüngeren Generationen sehr gut und Politik sollte diese auch sehr ernst nehmen. Daher appelliere ich für ein wenig mehr Optimismus und nicht alles zu „düster“ zu sehen. Ich denke, wir sollten viel mehr in Bildung, lebenslange Weiterbildung, Forschung und Wissenschaft investieren und vor allem den Fortschritt/Innovation weiter voranbringen. Unternehmensgründungen müssen weiter gefördert und unsere Infrastruktur mit beispielsweise Künstlicher Intelligenz nachhaltig verbessert werden. Wir sollten in der heutigen Welt ökologisch, ökonomisch und mit den Grundsätzen unserer sozialen Marktwirtschaft die Zukunft gestalten. 

Neben Beruf und Politik haben sie nun eine eigene Stiftung gegründet. Was ist hierbei der Hintergrund?

Ich engagiere mich seit meiner Jugend ehrenamtlich für unsere Demokratie und Vielfalt. Das sind mir sehr persönliche Anliegen. Ich möchte mit meinem Vermögen in meiner Stiftung einen Beitrag leisten, damit dieses Engagement nicht endet, wenn ich mal nicht mehr bin. 

Herr Christ, vielen Dank für das Gespräch.

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