Gibt es Sexismus in der deutschen Politiklandschaft?

Das Thema Sexismus ist unserer Gesellschaft omnipräsent. Doch wann passieren frauenfeindliche Ereignisse? Natalia hat sich in den letzten Monaten in der deutschen Politik danach umgesehen.

Dass der Feminismus seine Nische verlassen und es sich gerade im Mainstream gemütlich macht, ist eine Entwicklung, die sehr viele Frauen begrüßen. Frauen fragen sich nun wieder vermehrt, ob sie in ihrem Alltags- und Berufsleben aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert werden. Statistiken geben ihnen Recht. Eine Studie aus dem Jahr 2019 zeigte, dass es gerade mal 2,5 % Vorstandsvorsitzende in Deutschland gibt. Es mangelt auch an weiblichen Aufsichtsratsvorsitzenden (5,6 %) und Vorstandsvorsitzenden (8,8 %). Die seit 2016 geltende Frauenquote in Aufsichtsräten, hat dazu geführt, dass bereits im Jahr 2019 30,2 % der Aufsichtsratsmitglieder Frauen sind. Wenn wir aber in die Politik schauen, sieht es nicht anders aus. Frauen sind dort nach wie vor die Seltenheit. Nur 9 % der Bürgermeister in Deutschland sind Frauen. Ein Wert der beschämend ist. Die EAF-Studie, die diese Zahlen ermittelte, fand darüber hinaus heraus, warum Frauen den Gang in die Politik scheuen. Frauen müssen mit mehr Widerständen als ihre männlichen Kollegen rechnen, so erleben Frauen öfter Vorbehalte gegenüber ihrem Geschlecht. Außerdem werden Frauen viel häufiger Opfer von Beleidigungen und Bedrohungen. Auch erleben Frauen viel häufiger sexuelle Belästigung. Zudem erleben auch Frauen, die es augenscheinlicher Weise geschafft haben, Sexismus.

Frauen werden viel häufiger sexualisiert als Männer.

So sorgten in letzten Wochen drei Skandale an Top-Politikerinnen dafür, dass Sexismus gegenüber Frauen wieder verstärkt in den medialen Fokus geraten sind. Bei diesen Beispielen können wir offen von Sexismus sprechen. Schauen wir uns diese drei Fälle mal genauer an. Wir beginnen mit Linda Teuteberg. Die bekannte FDP-Politikerin ist Abgeordnete für Potsdam im Bundestag und war bis September dieses Jahres Generalsekretärin. Am FDP-Parteitag vor wenigen Wochen wurde sie eben von diesem Amt verabschiedet. Schon im Vorfeld wurde kritisiert, dass der Umgang mit Teuteberg recht hart war und dann kam eben jener Parteitag, der einen handfesten Skandal auslöste. Doch nicht Linda Teuteberg selbst löste den Skandal aus, sondern der Vorsitzende der FDP. Christian Lindner sonst als ausgezeichneter Redner bekannt, rang sich selbst einen niederen Altherrenwitz ab. Seine Aussage: „Ich denke gerne daran, Linda, dass wir in den vergangenen 15 Monaten ungefähr 300 Mal, ich hab‘ mal so grob überschlagen, ungefähr 300 Mal den Tag zusammen begonnen haben.“ Großes Gelächter machte sich zunächst im Saal breit. Nach dem Gelächter schob Lindner noch „on point“ einen Satz hinterher: „Ich spreche über unser tägliches, morgendliches Telefonat zur politischen Lage. Nicht, was ihr jetzt denkt.“ Videomaterial zeigte ebenfalls die Reaktion Teutebergs, die verschämt in die Kamera dreinblickte – sichtlich peinlich berührt. Lindner entschuldigte sich zwar kurz danach für diesen Zwischenfall, doch der Nachgeschmack blieb zurück. Kurz vor dem Fauxpas auf dem Bundesparteitag wurde über den eklatanten Mangel an weiblichen Mitgliedern in der FDP gesprochen.

Noch immer nicht egal: Das Geschlecht. Graffiti an Hauswand. Photo by Markus Spiske on Pexels.com

Was an Lindners Verhalten sexistisch sein soll? Frauen werden viel häufiger sexualisiert als Männer, egal in welcher Position sie stehen. Das weibliche Geschlecht wird viel häufiger in den sexuellen Kontext gesetzt. Ob sich das als „lustig gemeinte“ Anzüglichkeiten, wie es in Lindners Beispiel der Fall war oder als sexualisierte Beleidigungen oder dem sogenannten „Cat-calling“, der verbalen sexuellen Belästigung auf offener Straße. Auch werden Frauen viel häufiger auf ihre vermeintlichen biologischen Eigenschaften reduziert. Frauen würden z. B. generell emotionaler und deshalb irrationalere Entscheidungen treffen. Nicht erst seit der ersten Trump-Biden-Debatte wissen wir, dass das nicht nur absoluter Unfug ist, sondern einfach latenter Sexismus. Deshalb wurde Christian Lindener von der umstrittenen Zeitschrift „Emma“ zum „Sexist Man of the Year“ gekürt. Eine höchst zweifelhafte Ehre.

Der zweite Fall bringt uns zu Sawsan Chebli. Die SPD-Politikerin war bisher Staatssekretärin in Berlin und möchte nun für den Bundestag kandidieren. Dabei wird sie gegen ihren jetzigen Chef und den amtierenden regierenden Bürgermeister Michael Müller antreten. Dass eine Frau eine Kampfkandidatur herausfordert, passt nicht jedem. Sowas gehört innerparteilich nicht zum guten Ton. Doch Chebli argumentiert zu Recht, dass sie die Erste war, die ihren Hut für diesen Bezirk in den Ring warf. In der Talk-Sendung von Jörg Thadeusz moniert dieser jedoch, dass Chebli demütiger sein müsse. Auch diese Aussage von Thadeusz ging viral im Internet. Der Moderator und auch Chebli selbst beteuerten im Nachhinein, dass es in der Sendung nicht so scharf rüberkam, wie im kurzen Clip zu sehen war. Aber nichtsdestotrotz brachte Thadeusz gewollt oder ungewollt die hitzige Diskussion um Cheblis Kandidatur auf den Punkt. Muss Frau demütiger gegenüber bzw. im Gegensatz zu einem Mann sein? Männer werden tatsächlich deutlich seltener nach Demut gefragt. Sondern werden stattdessen etwa als Draufgänger bezeichnet. Demut bedeutet im ursprünglichen Kontext, die Haltung vom Geschöpf zum Schöpfer, ebenfalls die Haltung vom Knecht zum Herrn. Chebli äußerte sich schlagkräftig in der Sendung, dass sie sich als Staatssekretärin bewährt hat und nun einfach Lust habe ihren Wahlkreis im Bundestag zu vertreten.

Befreundete Journalistinnen haben bislang nur den G-Punkt als Pluspunkt feststellen können in der Spezialdemokratischen Partei der alten Männer.

Roland Tichy

Kommen wir nun zum dritten Fall: Dorothee Bär.Die Staatsministerin für Digitales und CSU-Abgeordnete hat ihre Mitgliedschaft in der Ludwig-Erhard-Stiftung aus Protest gegen den Vorsitzenden Roland Tichy aufgekündigt. Warum? Weil Roland Tichy, Chefredakteur und Gründer des populistischen und höchst umstrittenen Magazins „Tichys Einblick“, in eben jenem Magazin folgendes über die eben erwähnte SPD-Politikerin Sawsan Chebli schreibt: „Was spricht für Sawsan? (…) Befreundete Journalistinnen haben bislang nur den G-Punkt als Pluspunkt feststellen können in der Spezialdemokratischen Partei der alten Männer.“ Was für eine niveaulose und sexistische Formulierung. An diesem Fallbeispiel ist der Sexismus nicht latent, sondern mehr als omnipräsent. Dass ein Journalist einer Spitzenpolitikerin vorwirft, dass ihr G-Punkt, also ihr erogener Punkt in ihrer Vagina der einzige plausible Grund ist in ihrer Partei aufzufallen, ist einfach mehr als geschmacklos! Kurz darauf hat Roland Tichy auf öffentlichen Druck seinen Posten in der Stiftung geräumt. Ein positiver Effekt dieses Skandals war die Solidaritätsbekundung von Dorothee Bär an ihre Polit-Kollegin Chebli.

Nun sehen wir drei Frauen aus jeweils drei unterschiedlichen Parteien, die mit heftigem Sexismus innerhalb als auch außerhalb ihres Wirkungskreises zu kämpfen haben. Die Erfahrungen dieser drei Frauen stehen für viele andere Frauen in Parteien, gesellschaftlichen Ämtern oder auch in der Wirtschaft. Ihre Geschichten ähneln sich. Allgemein sind Frauen beispielsweise viel seltener Mitglieder in einer Partei. Den höchsten Anteil an weiblichen Mitgliedern im Jahr 2020 weist die Partei Bündnis90/Die Grünen mit 41 Prozent auf. Den niedrigsten Frauenanteil weißt die AfD mit 18 Prozent auf. Umso niedriger die Ebene, desto weiter sinkt der Frauenanteil in kommunalen Vertretungen. Ein solches Klima hält Nachwuchs-Politikerinnen aus Politik und gesellschaftlichem Ehrenamt fern.

Was war neugedacht?

Der Begriff Sexismus ist unserer Gesellschaft so präsent wie schnell ausgesprochen. Doch wann liegt tatsächlich frauenfeindliches Verhalten vor? Mit diesen drei Beispielen wollte ich auf die Präsenz und Dringlichkeit dieses Thema stärker aufmerksam machen.

Bewertung: 1 von 5.

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