Deutschsein – Gedanken über die „Heimatliebe“

Die junge Generation hat nie gelernt, was Deutschsein ausmacht. So zumindest die These von León, der hinterfragt, warum sich junge Deutsche so schwer damit tun, stolz auf ihre Heimat zu sein. Gerade im Ausland.

*Anmerkung: Aus stilistischen Gründen wird in diesem Artikel von gegenderter Sprache abgesehen. Mit dem Begriff "Deutscher" ist zugleich die feminine Form "Deutsche" gemeint.

Wie ist es Deutscher zu sein? Und was ist die Identität eines Deutschen? Groß, blond, blauäugig? Kühl, emotionslos, regelkonform?

Das, was einen Deutschen ausmacht oder ausmachen soll, ist vielerlei verwirrend. Während (Rechts)-Nationalisten im Deutschsein ferner eine überlegene „Rasse“ sehen, leugnen auf der linken Seite manche gar ihre Nationalität. Was ist es also, worauf wir Deutschen stolz sein dürfen?

Nun, die Antwort lässt sich manchmal einfacher finden als zunächst erwartet: Sobald sich der Deutsche im Ausland befindet, wird er mit dem konfrontiert, was andere Staatsangehörige über das Deutschsein denken.

So auch bei mir, als ich Anfang September mein Auslandssemester in Brüssel begann. Trotz der Pandemie hatte sich hier in meinem Studierendenheim eine internationale Gruppe aus sieben Nationen zusammengefunden. Und neben Kleidung und Wörterbuch hatte natürlich auch ein*e jede*r die Vorstellung eingepackt, wie Deutsche in Spanien, Italien oder England wahrgenommen werden.

Für manche der Auslöser von Heimweh: Der Kölner Dom bei Nacht vom Ostufer aus betrachtet. Photo by Pixabay on Pexels.com

Klar, dass den Spaniern vor allem unser kultiviertes Wettsaufen aus Mallorca oder Lloret de Mar ein Begriff ist. Gleiches gilt für Italien, wobei sich die Italiener schnell einig werden, dass wir ja so unglaublich regelkonform seien und so eine schrecklich klingende Sprache hätten. Achja, aus England kommt uns der Ruf der zwei verlorenen Weltkriege entgegen und auch die Angst, dass wir unsere Vormachtstellung in der EU zu einer dritten „Revanche“ ausnutzen könnten.

Nun, wie man feststellt, ist der Deutsche für viele nicht derjenige, der die schönste Sprache besitzt, die besten Feiern schmeißt oder die schönste Historie aufweist. Doch habe ich den Eindruck, dass es sich so viel leichter leben lässt, wenn andere einem diktieren, was einen Deutschen ausmacht. Doch es verunsichert mich auch. Worauf darf ich nun stolz sein und macht das wirklich das Deutsche aus?

Da wären ja noch unsere Pünktlichkeit, unsere Zielstrebigkeit und unsere Produktivität. Das Bild, das von meinen internationalen Freunden gezeichnet wird, wird vollständiger. Wie ein fleißiges Arbeiterbienchen würden wir unseren Aufgaben und Pflichten nachkommen und eben hier und da unser Geld im Sommer am Mittelmeer lassen – ganz geschweige von den EU-Umlagen ergänzt Jésus lachend.

Die Deutschen sind in ihrem Nationalgefühl historisch verunsichert.

Und nach all diesen Gesprächen über Klischees und Vorurteile spüre ich auf einmal eine Sehnsucht in mir: Heimweh. Ich denke an meine Familie, an meine Freunde, an das geregelte Leben in meiner Heimat. Wo alles in alten Mustern geordnet und strukturiert seine alltäglichen Bahnen zieht.  „Mag schon sein, dass Ordnung und Struktur ein Teil des Deutschseins sind“, murmle ich vor mir hin.

Für mich wird klar: Die Deutschen fühlen sich historisch betrachtet verunsichert, wie sie ihre Identität beurteilen sollten. Und das auch zu gutem Grund. Was der dreißigjährige Krieg bis in das 19. Jahrhundert war, das ist im 20. Jahrhundert die Last der Weltkriege mit verheerender Schuld an einem Genozid, der seinesgleichen sucht – nationale Traumata eben. Und die politische Kultur gibt acht! Sobald die Befürchtung besteht, dass ein unkontrollierbares Nationalgefühl wieder überschwappen könnte („Jetzt sind wir wieder wer“ – WM 2006) kommt der mahnende Zeigefinger der Geschichte.

Das Resultat? Die junge deutsche Generation hat nie gelernt, wie sich es anfühlt deutsch zu sein, ohne sich dabei verunsichert zu fühlen, ob dies „politisch korrekt“ sei.

Doch eines ist klar: Es ist ein Geschenk der deutschen Nachkriegskultur, dass wir bewusst mit unserer Geschichte umgehen und unserer nationalen Fehler im Klaren sind. Hier sind wir vielen Ländern weit voraus.

Andererseits möchte ich aber auch stolz sein auf meine Heimat und sie lieben können. Ich liebe meine Heimatstadt Coburg, die majestätische Veste, genauso wie den wunderschönen Marktplatz im Herzen der Stadt. Und ich liebe es, anderen Menschen diesen Stolz zu zeigen, indem ich sie in mein Heimatgefühl eintauchen lasse und sie zu mir nach Hause einlade. Diese Art der Liebe zur Heimat eint Menschen und spaltet sie nicht. Nicht in arm oder reich, in links oder rechts, in Deutsche oder Ausländer. Es baut Brücken, die mit Verständnis und Liebe gepflastert sind.

Ich wache auf aus meinen Gedanken und finde mich an einem Küchentisch mit meinen Erasmus-Freunden sitzend wieder. Und auf einmal fällt es mir leichter, über meine Heimat und mein Land zu sprechen. Und auf einmal verstehe ich viel besser, wenn Alessandro mir mit strahlenden Augen von der besten Pizza der Stadt aus Bologna berichtet oder José begeisternd die Strände in Malaga beschreibt. Und auf einmal falle ich in den Kanon mit ein, ich spreche von Coburg und Currywurst, mit einem breiten Lächeln auf meinem Gesicht.

Was war neu gedacht?

Was war neu gedacht?

Mit diesem Artikel möchte ich meine innerliche Verunsicherung teilen, wie ein richtiger Umgang mit „Heimatliebe“ aussehen sollte. Gerade wenn man junge Menschen aus anderen Ländern trifft, hat man den Eindruck, dass Heimatgefühle etwas ganz normales sind. Deutsche haben meiner Empfindung nach damit zu kämpfen. Daher ist dieser Artikel der Versuch jenes Problem für junge Deutschen zu adressieren und zu hinterfragen.

Hat dir der Artikel gefallen? Dann stimme jetzt ab oder lass doch einen Kommentar hier unten in der Box 🙂

León

3 Kommentare zu „Deutschsein – Gedanken über die „Heimatliebe“

Gib deinen ab

  1. Sehr schöne Beitrag. Ich bin nicht Deutscher, aber ich interessiere mich für die deutsche Geschichte.
    Hierzu werde ich auch nichts sagen weil es alles schon wissen, dass sich die deutsche Geschichte nicht nur zw. 1933-45 abspielte.
    Aber Heimatgefühl geht weit darüber hinaus. Ich komme aus einem Ort, dass man lieben kann nur, wenn man dort aufgewachsen ist. Und das gilt für alle.
    Ich würde dann auch noch sagen, heutzutage ist Deutschland eine Pionierin von Europa und ein neuer Art Politik zu machen. Auch wenn es nicht so für viele deutschen scheint. Das ist ein Thema, worüber man stundenlang diskutieren kann.

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen Dank für dein Feedback! So ist es, man könnte stundenlang darüber diskutieren. Es trifft aber auch irgendwo den Kern eines Problems. Die Suche nach der Identität, die man im Kollektiv sucht und erhofft zu finden.
      Gerade im Ausland wird man dann diesem Kollektiv „Deutsch“ zugeordnet und muss sich erstmal fragen: Was ist das eigentlich für mich?

      Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Erstellt mit WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: