Denkt bitte an die Psyche!

Stefan ist klinischer Psychologe und schaut mit Sorgen auf die jetzige Corona-Krise – gerade im Hinblick auf unsere mentale Gesundheit. Er schildert, warum COVID-19 vor allem Kinder und Jugendliche langfristig Schaden zufügt.

Am 10.02. diesen Jahres stellte die am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf ansässige Forschungsgruppe Child Public Health unter der Leitung von Prof. Dr. Ulrike Ravens-Sieberer Teil 2 ihrer COPSY-Studie (Corona Psyche bei Kindern und Jugendlichen) vor. Dort berichtete Frau Prof. Ravens-Sieberer, dass Kinder und Jugendliche besonders unter der Corona-Krise und ihren Maßnahme leiden würden. Die Longitudinalstudie (also längsschnittliche, mehrfache Erhebung über einen längeren Zeitraum) befragte die Kinder vor der Coronakrise, zum Zeitpunkt der 1. Welle und nun im Dezember/Januar.

Das Ergebnis: im Mai/Juni 2020 gaben ca. 70% der Kinder an ziemlich bis äußerst belastet zu sein, nun sind es 85%. Drei von 10 Kindern haben ein erhöhtes Risiko für psychische Auffälligkeiten und im Dezember gbaen 7 von 10 Kindern ein geringeres psychisches Wohlbefinden an. Es zeigen sich mehr psychosomatische Symptome (Bauch-, Kopfschmerzen), Einschlafstörungen, Verhaltensauffälligkeiten, Depressivität, Angstzustände, usw. (1) Aber ungeachtet dieser schon erschreckenden Studie ist doch die Frage, ändern wir etwas? Hat die Politik aus den Erfahrungen der 1. Welle gelernt?

50 % psychisch Erkrankter wiesen diese bereits vor ihrem 14. Lebensjahr auf.

Zur Erinnerung: Mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie änderte sich das Leben schlagartig. Geschäfte und Museen zu, ÖPNV reduziert, Maske im Supermarkt, Besuchsbeschränkungen und vieles mehr. Doch das erste, was die Regierungen in der ersten Welle geschlossen haben, waren die Schulen; und die Lockerungen für einen regulären Schulbetrieb endeteten, da war jedes Restaurant längst wieder im Betrieb (nämlich zum 01. Juli 2020). Dabei haben schon damals Virologen, Epidemiologen und Ärzte aufgezeigt, dass Kinder viel weniger infektiös sind und ganz anders auf die Viren reagieren (2). Eine Schuld will ich dennoch nicht formulieren, denn in der aktuen ersten Phase versuchte man irgendwie Herr der Lage zu werden und wusste es teilweise nicht besser. Aber haben wir aus diesen Erfahrungen gelernt?

Die Bundespsychotherapeutenkammer stellte fest, dass Kinder und Jugendliche in der ersten Welle keine Rolle gespielt haben. Sind sie heute eine relevante Größe? Die Schulen so lange wie möglich offen zu halten und diese wieder als erstes zu öffnen (also ganz im Gegensatz zur ersten Reaktion) ist sicher die richtige Lehre. Aber ist mit der Öffnung der Schulen wieder alles gut?

Meine These: Die Politik hat weiterhin keinen echten Blick für Kinder und Jugendliche! Denn die von Prof. Ravens-Sieberer vorgestellten Zahlen erhalten deshalb eine ganz andere Qualität, wenn man weiß, dass 50% der Menschen, die im Laufe ihres Lebens eine psychische Erkrankung entwickelt haben, ihre erste Störung bereits vor dem 14. Lebensjahr und weitere 25% diese vor ihrem 24. Lebensjahr aufwiesen (3). Kein Wunder also, dass die zweite Altersgruppe, die unter den pandemischen Maßnahmen sich besonders belastet zeigen, die der jungen Erwachsenengruppe zwischen 18 und 30 Jahren darstellt (4). Innerhalb dieses jungen Erwachsenenalters, welches in der Literatur auch Transitionsalter genannt und von 18 bis 25 angesetzt wird, eine wichtige Entwicklungsphase vieler Umbrüche durchlaufen wird. Unabhängig von Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen zeigen sich hier bereits gehäuft psychische Erkrankungen wie Essstörungen, Abhängigkeitserkrankungen, Schizophrenie oder selbstverletzendes Verhalten (5). Gerade diese Kohorte ist von Stay-at-home-Regelungen besonders betroffen und reagieren – im Gegensatz zu Erwachsenen – häufiger mit Depression oder Angstzuständen (6).

Schulen zu, Freunde zu (Hause) – Was sind die Langzeitfolgen? – Kindporträt. Quelle: Janko Ferlic von Pexels.com

Oder anders formuliert: wir produzieren hier Langzeitfolgen und Langzeitschäden, die uns finanziell zig mal mehr Gesundheitskosten verursachen werden als wir gerade über irgendwelche Wirtschaftshilfen diskutieren. Im Auftrag der Pronova BKK (7) stellten Kinderärzte bereits in der ersten Welle fest, dass es bei vielen Kindern zu erheblichen Entwicklungsverzögerungen und -problemen motorischer und kognitiver Fähigkeiten gekommen ist. Kinder brauchen den Kontakt mit anderen Kindern. Dieser ist für sie entwicklungsrelevant, sonst können neurobiologische Entwicklungen teils irreparabel, also unwiderruflich, verloren gehen (8)!

Was wir brauchen ist ein Pandemieansatz vom Kind angedacht. Spiel und Spaß mit anderen Kindern wie sonst – aber gerne im geschützten Rahmen z.B. mit Schnelltests. Klare Klassenverbünde, die dann auch am Nachmittag oder in der Freizeit miteinander spielen, toben und sogar berühren dürfen – gerne im geschützten Rahmen bei null Kontakt zu anderen Verbünden. Erlebnisse in der Natur, im Wald oder im Zimmer – aber nicht stundenlang am PC und Co (Folgen dazu s. bspw. 9). Und bitte: Kinder und Jugendliche brauchen den Zugang psychologischer, psychotherapeutischer und psychiatrischer Behandlung in diesen Zeiten zur Stabilität. Zu Beginn der ersten Welle, das durfte ich als Teil eines kindertherapeutischen Instituts erleben, hat man tatsächlich die Psychosomatik geschlossen, um Betten freizuhaben.

Fazit: Schulen sind nicht nur keine Pandemietreiber (10), sie sind für eine kindgerechte Entwicklung wichtig. Aber die Schulsituation – auch dass zeigt die COPSY-Studie (45% der Kinder empfinden die Schulsituation noch anstrengender als im 1. Lockdown und weitere 45% genauso belastend) – ist kein Allheilmittel.

Autor: Stefan Wolf, ist studierter Psychologe mit dem Schwerpunkt klinischer Psychologie. In seiner Abschlussarbeit hat er eine Pilotstudie im Rahmen der Kinder- und Jugendlichentherapie unter den Eindrücken der ersten Coronawelle durchgeführt. Bei Fragen könnt ihr ihn unter stefan.wolf@fdp.de erreichen.

Quellen:

(1) https://www.uke.de/kliniken-institute/kliniken/kinder-und-jugendpsychiatrie-psychotherapie-und-psychosomatik/forschung/arbeitsgruppen/child-public-health/forschung/copsy-studie.html

(2) https://www.aerzteblatt.de/archiv/214792/SARS-CoV-2-Infektion-Kinder-reagieren-auf-Viren-anders-als-Erwachsene

(3) https://doi.org/10.1001/archpsyc.62.6.593

(4) https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7061893/

(5) https://doi.org/10.1024/1661-4747/a000235

(6) https://doi.org/10.1017/S0033291720003438

(7) https://www.pronovabkk.de/presse/pressemitteilungen/corona-krise-kinder-in-seelischen-noeten.html

(8) https://www.deutschlandfunk.de/neurobiologe-huether-ueber-lockdown-folgen-schule-ist-der.694.de.html?dram:article_id=491369

(9) http://dx.doi.org/10.1037/cbs0000215

(10) https://www.aerzteblatt.de/archiv/217182/COVID-19-in-Schulen-Keine-Pandemie-Treiber