Bildung-Ein Schlüssel für (fast) alles!

Unser kaputtes Bildungssystem. Ist die deutsche Bildungspolitik von Anja Karliczek unbelehrbar? Ein Kommentar. 

Anja Karliczek (CDU), Bundesbildungsministerin. Foto: Laurence Chaperon.

Anja Karliczek (CDU), unsere derzeitige Bildungsministerin, macht sich ihr politisches Leben selbst schwer. Trotz des viertgrößten Etats aller Minister bleibt sie im Schatten der Regierung stehen und entwickelt kein richtiges Profil. Aussagen zur Wahl des Studienortes, wie: “ Man muss ja nicht in die teuersten Städte gehen” (Spiegel-Interview vom 08.03.2019) lassen tief blicken. Kann Deutschland in der Zukunft mithalten, wenn das Bildungssystem nicht reformiert wird und was sollte dringend geändert werden? 

Bildung ist das Fundament einer funktionierenden Gesellschaft, unseres Staates und unseres eigenen Lebens. Deshalb muss jedem Kind und jedem Erwachsenen der Zugang zu guter Bildung und Weiterbildung immer möglich sein. Auf die deutsche Politik kommen viele Probleme zu, eine steigende Alters-/ Kinderarmut, wachsender Antisemitismus und steigende Arbeitslosenzahlen. Bildung kann für diese Probleme eine Lösung bieten, wenngleich Bildung sie nicht alleine lösen kann. Doch dafür bedarf es einer guten Bildungspolitik. Kann Deutschland auf seine Bildungspolitik stolz sein? 

Große Probleme in der Schule sind keine Seltenheit. Photo by cottonbro on Pexels.com

Klare Antwort: Nein! Viele Schulgebäude sind marode und die Ausstattung entweder defekt oder veraltet, so arbeiten einige Schul-PCs noch immer mit Windows 7 oder älter. Auch Smartboards sind keine Selbstverständlichkeit, Overhead-Projektor werden immer noch täglich benutzt. Ferner herrscht ein großer Personalmangel in Kitas und Schulen. Ein weiteres ganz großes Problem unseres Bildungssystems: Bildungserfolg ist abhängig vom sozialen Stand der Eltern!  

Schlechte Bildung ist der Keim vieler anderer Probleme.

Was kann die Politik jetzt tun? Nun, ein allgemeiner Schlüssel ist Digitalisierung. Auch wenn die Corona-Krise die Digitalisierung der Schulen beschleunigt hat, geht sie dennoch zu langsam voran. Bis Ende 2020 haben die Bundesländer von den 6,5 Mrd. €, die der Bund im Rahmen des Digitalpaktes zur Verfügung stellt, 1,36 Mrd. € genutzt oder bewilligt. Rund 80% der Gelder sind nach wie vor ungenutzt. Durch die Digitalisierung der Schulen, werden nicht nur Gelder gespart, die wieder investiert werden können, sondern auch Prozesse vereinfacht und beschleunigt. Die Welt digitalisiert sich, warum dann nicht die Bildung? 

Weg von Kreidetafeln – hinzu Laptops. Photo by Max Fischer on Pexels.com

Lasst uns einmal mit Max unser Bildungssystem durchlaufen. Von der Kita bis zum Studium. Max (7) geht jetzt nach der Grundschule in die Kita. Dort wartet das zeitlich erste Problem in unserem Bildungssystem, denn der Mangel an Kitapersonal und Lehrern geht zu Lasten der Kinder. Die Bertelsmann-Stiftung hat in einer Studie festgestellt, dass die Betreuungsqualität unter dem Personalmangel stark leidet, dabei entscheidet sich oftmals der Bildungserfolg schon in jungen Jahren. Die Politik investiert pro Schüler in der Grundschulzeit deutlich weniger, als in den höheren Jahrgängen – paradox, wenn die ersten doch die wichtigsten Jahre sind.  

Nach seinen 4 Jahren Grundschule will Max das Gymnasium in seinem Ort besuchen, um dort Abitur zu machen. Neben den schon genannten Punkten, wie Digitalisierung und Lehrermangel, fällt Max am ersten Tag auf, dass auf den Toiletten das Wasser an den Wänden runter läuft und die Hygiene zu wünschen übrig lässt. In Niedersachsen beispielsweise weisen vier von fünf Schultoiletten Hygienemängel auf, hat eine Überprüfung in Hannover durch das Gesundheitsamt ergeben. 36% der Schüler meiden deshalb (laut einer Forsa-Umfrage aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung) den Gang zur Schultoilette, so fehle es an Seifenspendern, Papierhandtüchern und auch die Böden seien dreckig.

Saubere Toiletten in Schulen – Ein seltener Anblick. Photo by Markus Spiske on Pexels.com

Weiter musste Max bemerken, dass bis zum Ende seiner Schullaufbahn sich die Anzahl der Schüler aus seinem Jahrgang deutlich reduziert hat. Besonders erschreckend: Die bereits angesprochene Abhängigkeit des Bildungserfolges vom sozialen Stand der Eltern. Nur ein Drittel aller Kinder aus bildungsfernem Elternhaus macht überhaupt Abitur oder Fachabitur, so schreibt es der Tagesspiegel. Danach verschärft sich die Situation noch weiter. Denn laut einer PISA-Studie erreichen nur 15% der Schulabgänger, deren Eltern kein Abitur haben, ein abgeschlossenes Hochschulstudium. Damit liegt Deutschland stark unter dem OECD-Durchschnitt (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung). Oftmals hat das auch finanzielle Hintergründe, auch Max ist davon betroffen. 

Nach seinem Abitur geht Max nun studieren, Berlin und München kann er sich nicht leisten und BAföG bekommt er nicht. Warum? Sein Vater verdient zwar laut Einkommensteuerbescheid deutlich über der BAföG Höchstgrenze, muss davon aber noch eine Hypothek abbezahlen und das Studium von Max Schwester finanzieren. Das findet allerdings keine Berücksichtigung, bei der Beantragung von BAföG. Das System BAföG ist zu starr, es gibt zu viele Grauzonen und zu viele Hilfsbedürftige fallen durch das Raster. Gerechte Bildung sieht anders aus. Selbst wenn Max BAföG bekommen würde, mit der von Bildungsministerin Karliczek vorgeschlagenen Erhöhung der Wohngeldpauschale auf 325€ kann sich niemand mehr ein Zimmer in den großen Städten leisten, aber man muss ja nicht in die teuersten Städte gehen, oder Frau Karliczek? Denn das können sich aktuell nur die Studenten aus gehobenen Elternhäusern leisten. Ebenfalls keine gerechte Bildung.  

Wohnungen in Berlin für Studenten kaum bezahlbar. Photo by Ingo Joseph on Pexels.com

Ein verändertes BAföG könnte die Lösung sein, in welchem man Studierende als selbstständige Erwachsene sieht und ihre finanzielle Unterstützung unabhängig vom Einkommen der Eltern wäre. So könnte man ein Baukastensystem nehmen, das sich aus einem Fixbetrag, der nicht zurückgezahlt werden muss, einer Aufwandsentschädigung für ehrenamtliche Arbeit, z.B. Pflege von Angehörigen etc. und einem frei beantragbaren zinslosen Darlehen besteht. 

Bildung ist Ländersache, dennoch hat Anja Karliczek großen Einfluss oder besser gesagt: hätte. Denn die Bildungsministerin nutzt ihn nicht, um ein stark schwächelndes Bildungssystem zu reformieren, dabei ist Bildung der Schlüssel zu Chancengleichheit und –gerechtigkeit. Deutschland hat großen Nachholbedarf, will man im europäischen Vergleich nicht weiter abrutschen. Neben Digitalisierung und der Einführung von Finanzbildung ist es zwingend notwendig, Bildung fair zu gestalten. Nicht der soziale Stand der Eltern darf entscheidend sein, ob ein Jugendlicher sein Abitur macht oder studieren geht. Alle müssen gleiche Chancen haben. Dabei dürfen auch “Brennpunktschulen” nicht in Vergessenheit geraten, besonders dort, schlägt sich u.a. der Lehrermangel massiv auf die Bildung der Kinder/Jugendlichen nieder. Es gibt also viel tun, um Lösungen zu finden. Beispielsweise könnte man das föderale System durch ein Zentralisiertes ersetzen. Das würde für deutschlandweit gleiche Standards sorgen, eine einheitliche Politik zulassen und so mehr Entscheidungskraft dem Bundesbildungsministerium geben. Das würde vieles vereinfachen, beschleunigen und die Effektivität steigern.