Das verflixte halbe Grad

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Der 12. Dezember 2015, ein historischer Tag: 195 Länder unterzeichnen das Pariser Klimaabkommen, das als eine Fortschreibung des Kyoto Protokolls gilt. Die Idee dahinter? Grundsätzlich sollte es Zukunft sichern, Katastrophen verhindern, also technisch gesprochen: Emissionen auf ein Level senken, die mit humanen Lebensbedingungen übereinstimmen. Im Pariser Klimaabkommen steht, dass die Erderhitzung auf 2 Grad, möglichst auf 1,5 begrenzt werden soll. Das klingt erstmal sehr unspektakulär, ein bisschen nerdig-und ,vor allem, altbekannt.

1,5 oder 2 Grad, das klingt nach minimalen Unterschieden, aber warum ist der Unterschied so bedeutend, dass beinahe das Pariser Abkommen daran gescheitert wäre?

Zunächst einmal ein paar Basics: 

  1. Das Klima dieser Welt hat sich schon immer verändert, aber nie so schnell wie heute. 
  2. Es gibt es so etwas wie eine “sichere Zone” innerhalb dessen Klimaschwankungen für die Menschheit ungefährlich sind, diese liegt bei ungefähr +/- 1 Grad.
  3. Mittlerweile sind wir bei einer Erderwärmung von 1,1 Grad. 

Was diese 1,1 Grad Erwärmung bedeuten, kann man schon heute zum Beispiel an der höheren Frequenz und Stärke von Naturkatastrophen sehen: Hurrikan Katrina 2005, das Brennen des Amazonas, das Abschmelzen des Permafrostes in Russland, die Überflutungen an diversen Küsten, die immer wärmer werdenden Sommer in Europa. Schon heute gibt es in der Wissenschaft eine Debatte darum, ob wir zum Beispiel neue Sturm Kategorien einführen sollten, da die Stürme die, vor allem der Globale Süden, schon heute erlebt, zu stark für die Kategorie 5 sind -schon wieder ein Rekord der gebrochen wird.

Two degrees of global warming was considered the threshold of catastrophe

David Wallace-Wells

Aber nun zu den 2 Grad. Was würde das für unsere Zukunft bedeuten? Um es kurz zu machen: mehr tödliche Hitzewellen, Extremregen, Hungersnöte durch Dürren, noch heftigere und häufigere tropische Wirbelstürme1.1 und der Kollaps von diversen Ökosystemen, die der Menschheit jährlich etwa 125 Billionen Dollar Dienstleistung zur Verfügung stellen 1.2, sowie das Aussterben der Korallenriffe2 und zunehmenden Waldbrände. Hinzu kommt, dass je wärmer der Planet wird, immer mehr Ökosysteme bis an den Rand ihrer Belastungsgrenzen gebracht werden, und unwiderruflich kollabieren, diese sogenannten Kippunkte sind schwer zu berechnen. Als Beispiel dafür kann das Grönlandeis gelten, das wenn es schmilzt zu einem Meeresanstieg von mehreren Metern führen wird, dieser Kipppunkt liegt irgendwo zwischen 1 und 3 Grad, also genau die Temperaturen, auf die wir gerade zusteuern. – Ökosysteme, das ist schon wieder so ein Nerd-Begriff, aber im Prinzip sind funktionierende Ökosysteme unsere Lebensgrundlage.- Zwischen 1,5 und 2 Grad steigt das Risiko erheblich, solche Kipppunkte zu überschreiten. 400 Millionen Menschen werden an Wasserknappheit leiden, zudem werden die zunehmenden Hitzesommer zu einem enormen Anstieg von Hitzetoten jeden Sommer führen, zusätzlich würden ungefähr 150 Millionen Menschen an Luftverschmutzung sterben- das wäre historisch gesehen, das größte Massenaussterben der Menschheit das es je gegeben hätte.3

Mit der Physik kann man nicht verhandeln und mit der Natur keine Kompromisse schließen

Mojib Latif

Dem gegenüber steht das 1,5 Grad-Ziel, die Hoffnung unserer Generation gewissermaßen. Mit dem 1,5 Grad Ziel soll sichergestellt werden, das Klimabezogenes menschliches Leid auf dem Planeten auf ein Minimum reduziert werden soll, mensch könnte das gewissermaßen als das Beste vom Schlimmsten Bezeichnen. 1,5 Grad, dass heißt das zwischen 10 und 30 Prozent der Korallen überleben könnten4, dass Wirbelstürme nicht irgendwann Alltag werden. Und vor allem hat das 1,5 Grad Ziel humanitäre Zwecke: Die Weltbank rechnet bis 2050 mit Flüchtlingsbewegungen, in der Größenordnung von 140 Millionen Menschen, die UN ist dabei noch drastischer und geht in ihren Projektionen von 200 Millionen aus. Laut UN könnten eine Milliarde Menschen durch die Klimakrise zu Flüchtlingen werden, diese unvorstellbaren Zustände könnten durch eine konsequente 1,5 Grad Politik verhindert werden.

Wir leben in einer kapitalistischen Welt, das BIP ist die Kenngröße mit der wir unsere Wirtschaftsleistung gemessen, an der wir Wohlstand messen. Auch die mögliche Höhe dieser Kenngröße wird vom Erreichen des 1,5 Grad-Ziels abhängen, man hat berechnet, dass die Welt, bei einer 2 Grad Erwärmung um $ 20 Billionen ärmer wäre, das sind rund ¼ des heutigen BIPs. 

Schlussendlich heißen diese ganzen Fakten, mit denen dieser Artikel geradezu um sich schmeißt, nur, dass es nötig ist, die Erderhitzung auf 1,5 Grad zu beschränken, um humanitäre Lebensbedingungen zu garantieren, um Konflikte zu vermeiden, um Wohlstand durch eine stabile Wirtschaft zu garantieren. 1,5 Grad das klingt gerade wie Science Fiction, aber es ist möglich und absolut nötig.

Quellen:

1.1 Tropensturm wütet über Philippinen: Mehr als 200 Tote – DER SPIEGEL

1.2 Changes in the gloabl value of ecosystem services – Robert Constanze, Rudolf de Groot, Paul Sutton, Sander van der Ploeg

2Spatial and temporal patterns of mass bleaching of corals in the Anthropocene | Science (sciencemag.org)

3: The Uninhabitable Earth, David Wallace-Wells. vgl. S. 28 (English Version)

Klimakrise: Warum zwei Grad Erderwärmung zu viel sind – DER SPIEGEL