Der Genozid an den Herero und Nama

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An welches Thema denkst du, wenn du an Geschichtsunterricht denkst? Wahrscheinlich Nazi-Deutschland und den Holocaust. Dass Deutschland schon vor 1933 Konzentrationslager errichtet hat und für die Ermordung zweier Völker Schuld trägt, findet im Curriculum bisweilen wenig Platz.

Der Völkermord an den Herero und Nama

Zwischen 1904 -1908 versuchten Herero und Nama gegen ihre Kolonialherren zu rebellieren, welche das besetzte Gebiet zu einer Siedlungskolonie für Arbeitslose Deutsche machen wollte. Um dieses Gebiet ihrem rechtmäßigen Volk abzusprechen, mussten die Menschen die auf diesem Land lebten  delegitimieret werden und dafür gab es sowas wie eine vorgefertigte Erklärung:

 „Für die Behandlung der Eingeborenen ist maßgebend, dass er nicht auf die gleiche Stufe mit dem Weißen gestellt werden darf und als ein noch nicht mündiges Glied der menschlichen Gesellschaft betrachtet werden muss.“[1]

1904 rief Samuel Maharero zu einer Rebellion gegen die Kolonialherren auf und den Herero gelang es recht schnell, ihr Land zu befreien, denn zu Beginn standen 7.000 Befreiungskämpfer 750 Kolonialisten gegenüber. Als offensichtlich wurde das dieser Krieg aus deutscher Sicht verloren gehen würde, wenn nicht bald etwas geschehe, schickte der deutsche Kaiser Adrian Dietrich Lothar von Trotha als Oberbefehlshaber mit neuen Truppen nach Südwestafrika. Auf seinem Kriegszug gab er den Befehl:

Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück und lasse sie erschießen.“

Oberbefehlshaber Lothar von Trotha (2)

Nachdem der Krieg also nicht militärisch gewonnen werden konnte, ließ Trotha Zehntausende Herero in die Namibiwüste treiben.  Die Menschen, die dort nicht verdurstet waren, wurden in ein errichtetes Konzentrationslager gesperrt. Im Mai 1905 befanden sich rund 9.000 Menschen in diesem Konzentrationslager. Schon dort hatten Häftlinge eine Nummer als Blechscheibe um den Hals zu tragen. Die Gefangenen Herero und später auch Nama wurden gefoltert und mussten unter anderem die Schädel von Gehängten von Fleischresten reinigen, bevor diese zu „medizinischen“ Forschungszwecken nach Deutschland kamen. Soweit zu den Herero. Das Volk der Herero hatte schätzungsweise 65.000 von 80.000 verloren und die Nama mindestens 10.000 von 20.000.[3]

Am Tag nach dem Vernichtungsbefehl Trothas, regte sich auch bei einem anderen afrikanischen Volk, angeführt von ihrem Kaptein Hendrik Witbooi, der Widerstand. Die Nama waren an der Rebellion der Herero auf Seite der Deutschen tätig. Erst nach dem Sieg der deutschen Kolonialisten kam es auf der Seite der Nama zu misstrauen. Witbooi der noch bei der Schlacht am Waterberg aktiv auf deutscher Seite gekämpft hatte, kündigte den militärischen Pakt mit den Deutschen auf. Kurz darauf wurden die ungefähr 80 Hilfsmänner der Witbooi entwaffnet und festgenommen. Es folgte eine lange Auseinandersetzung in der die Nama und Witbooi den  deutschen Kolonialisten gegenüberstanden.

Nach langen Auseinandersetzungen ergaben sich die Witbooi Anfang 1906 nach dem Tod ihres Kapitäns. Die größte Gruppe der Rebellen war damit untergegangen. Nach dem Ende der Rebellion 1908 wurden alle Rebellen in ein Konzentrationslager gebracht, in denen sie zusammen mit den Herero Zwangsarbeit verrichten mussten und gefoltert wurden.

Deutsche Kolonialvergangenheit, eine Tatsache, die für zu klein gehalten wird, als dass sich unsere Gesellschaft damit auseinandersetzen müsste. Es starben während der Aufstände ungefähr 75.000 Herero und Nama. Kurz nach diesem Genozid organisierte Deutschland das Gewaltverbrechen, für das es – solange es existieren wird, schuldig und verantwortlich sein wird. Das heutige Tansania, Burundi, Ruanda, Neuguinea, Samoa, Kamerun, Togo und Namibia waren von ungefähr 1885-1918 Kolonien des deutschen Reichs. Nach dem ersten Weltkrieg verlor Deutschland seine Kolonien, die Entrüstung darüber war riesig. Deutschland war eine Kolonialmacht und die Legitimation der Taten hat – wie auf der ganzen Welt, Spuren in unserer Gesellschaft hinterlassen. Um Schwarze Völker ermorden und foltern zu  können, mussten diese als Nicht-Menschen klassifiziert werden. Dieses jahrhundertealte Denken, dass schon Kant an den Tag legte, verschwindet nicht einfach so. Noch heute erleben Schwarze Menschen  offenen Rassismus und sogenannte Mikro-Aggressionen, die auf rassistische Denkstrukturen zurückzuführen sind. Warum aber lernen wir in der Schule so wenig über deutsche Kolonialgeschichte? Wäre es nicht wichtiger Deutschlands Rolle darin zu verstehen, anstatt zweimal die Antike durchzukauen?

Die Anerkennung als Genozid

Jetzt hat also die Bundesregierung das Grauen an den Herero und Nama als Völkermord anerkannt und der namibischen Regierung 1,1 Milliarden Euro versprochen, über die nächsten 30 Jahre. Aber reicht das und vor allem was bedeutet dieses Abkommen im Klartext?

Die deutsche und namibische Regierung – auf dessen Staatsgebiet heute ein Großteil der Nama und Herero leben- haben ein Paket verhandelt, dass als eine „politische und moralische Notwendigkeit“ erklärt wurde, nicht aber als Entschädigungsgeld zu betrachten sei, auf genau das hatten die Nachfahren der Herero und Nama in den Vereinigten Staaten aber geklagt. 1,1 Milliarden Euro sollen über 30 Jahren ausgezahlt werden. Mit diesem Geld sollen vor allem Projekte in den Siedlungsgebieten der Herero und Nama gefördert werden. Dabei soll es um Landreform, Landwirtschaft, ländliche Infrastruktur und Wasserversorgung sowie Berufsbildung gehen.

Vertreter der Nama und Herero kritisieren, dass das jetzige Abkommen hinter verschlossenen Türen verhandelt worden sei. „Wenn Namibia Geld von Deutschland erhält, sollte es an die traditionellen Anführer der betroffenen Gemeinschaften gehen, statt an die Regierung“, sagt eine Vertreterin der Partei Landless People’s Movement (LPM).[4]

Deutschland konnte nur jahrelang seinen Wohlstand erweitern, weil es seine Kolonien ausgebeutet hat.

Zudem ist dieses Geld Namibia nicht einfach so zur Verfügung gestellt, sondern es bleibt wahrscheinlich im Rahmen der deutschen Entwicklungshilfe weiterhin in deutscher Hand, dabei ist es zu diskutieren, ob das Geld nicht in den Händen der Herero und Nama besser aufgehoben wäre als bei der namibischen Regierung. Ganz abzusehen von der Entwicklungshilfe, die an vielen Stellen eine weitere Abhängigkeit der zu den ehemaligen Kolonialstaaten schafft.

Länder wie Namibia sind keine sogenannten „Entwicklungsländer“, weil sie in Afrika liegen, sondern sie sind ehemalige Kolonien und damit wurde ihnen Zeit, Geld und Ressourcen gestohlen, die sie gebraucht hätten, um resiliente Strukturen aufzubauen. Im Falle von Namibia heißt das, dass Deutschland seinen Wohlstand und Fortschritt jahrelang auf der Ausbeutung dieses Landes betreiben konnte. Allein in diesem Licht erscheint es merkwürdig, dass Namibia Deutschland Schulden zurückzahlen muss. Wenn jetzt aber noch 1,1 Milliarden Euro als Entschädigung gezahlt werden, ohne von diesen Schulden auch nur zu reden, so wirkt es schon wie ein sehr gewollter PR-Coup der Bundesregierung, die nach der abgesagten Polizeistudie Seehofers, jetzt doch beweisen will, dass sie Rassismusaufarbeitung ernst nimmt, als dass man meinen könnte, die Bundesregierung hatte hier tatsächlich die Intention ein gerechtes Abkommen zu verhandeln und wäre damit der deutschen Verantwortung gerecht geworden.

Quellen:

Bundesarchiv Internet – Der Krieg gegen die Herero 1904

Der Vernichtungskrieg gegen die Herero | Afrika | DW | 24.04.2015

Namibia: Deutschland erkennt Völkermord an | tagesschau.de

Entwicklungshilfe in der Kritik – Handel statt Almosen für Afrika (Archiv) (deutschlandfunk.de)

Exit RACISM- Tupoka Ogette- Die Geschichte des Rassismus, S. 33-51

Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten, Alice Hasters, S. 52-67


[1] Südwestafrika: Der deutsche Völkermord an den Herero – DER SPIEGEL

[2] Bundesarchiv Internet – Der Krieg gegen die Herero 1904 „ich der große General der deutschen Sodaten…“

[3] Kolonialverbrechen an Herero und Nama: Deutschland erkennt Völkermord an – taz.de

[4] Namibia: Deutschland erkennt Völkermord an | tagesschau.de