Lang lebe König Fußball

Ein Bild aus vergangenen Tagen. Die UEFA forderte bei der Zusage für die Allianz Arena mindestens 14.500 Zuschauer:innen [1]. Photo by Saurav Rastogi on unsplash.com

Wer mit aufmerksamen Augen durch die Straßen zieht, kann dieser Tage allerlei beobachten: Volle Cafés, fröhliche Jugendliche im Park und freudestrahlende Kinder auf dem Spielplatz. Vereinzelt entdeckte man bereits in den vergangenen Wochen im Fahrtwind flackernde Deutschlandfahnen. War da was? Spätestens nachdem sich seit Samstag wieder wildfremde Menschen auf Straßen und in Biergärten jubelnd in den Armen liegen herrscht Gewissheit. Da ist wirklich was. Fußball-EM!

„Europa lebt und feiert das Leben“

Nun also doch: Trotz Corona-Pandemie findet die 16. Fußball-Europameisterschaft tatsächlich statt. Und für diese hat sich die UEFA nicht lumpen lassen und tief in die Trickkiste gegriffen: Nicht in einem Land, nein, in zehn verschiedenen Städten auf dem europäischen (und asiatischen) Kontinent werden die europäischen Endspiele ausgetragen [2].

In Zeiten in denen wir aufgrund einer tödlichen globalen Pandemie durch die fränkische Schweiz wandern, anstatt das ferne Georgien zu bewundern, ist eine solche über den Kontinent gestreckte Mammut-EM natürlich nachvollziehbar. Schließlich geht es um König Fußball.

Und um die europäische Vereinigung. So verkündet Aleksander Ceferin, Präsident der UEFA: „Europa lebt und feiert das Leben“ [3].  Eine Feier, geht es nach der UEFA, die um jeden Preis vor Zuschauer:innen stattfinden muss. Da die Behörden in Bilbao und Dublin keine Garantie für Spiele vor Zuschauer:innen geben konnten, entzog die UEFA den beiden Spielorten die Austragungsrechte [4]. Gelebte europäische Solidarität lässt sich durch leere Stadien vermutlich schlecht vermarkten.

Die wichtigste Nebenbühne der Welt

Umstrittener Spielort: Baku, die Hauptstadt Aserbaidschans. Photo by Lloyd Alozie on unsplash.com

Stattdessen erhalten politisch umstrittene Regime die Chance die Bühne der milliardenschweren Fußallindustrie für ihre eigenen Zwecke zu nutzen [5]. So wird ein Teil der Spiele in Aserbaidschan ausgetragen. Wohlgemerkt in einer Region, in der im vergangenen Herbst tausende Menschen starben und in der derzeit wohl kaum an Fußball zu denken ist [6]. Dass die UEFA einen autokratischen Austragungsort unterstützt an dem keine Freiheitsrechte gelten ist schlichtweg unverantwortlich.

Auch Orban und Putin werden das europäische „Fest der Vielfalt und Menschenrechte“ in Sankt Petersburg und Budapest zur Selbstdarstellung nutzen [7]. Orban spricht längst vom Sport als „strategischen Sektor“[8] und garantiert der UEFA 100  Prozent Stadionauslastung [9]. Kritik seitens der UEFA gegen die zunehmend autokratische Politik Orbans ist nicht zu erwarten. Im Gegenteil: Die Verbindungen sind sehr eng: Erst jüngst wurden die Spiele der UEFA Champions League aufgrund der Pandemie nach Budapest verlegt [10].

Ein Land, „das überhaupt gar keine Anzeichen macht, sich irgendwo zu demokratisieren oder Menschenrechte, Rechte der Opposition, Versammlungsrechte zu gewährleisten, als Austragungsstandort zu wählen, ist nicht akzeptabel“ [11]

Viola von Cramon, Grünen-Abgeordnete im EU-Parlament

Und während Putin beim Westen weiterhin in Verruf steht, kann er sich bei den sieben in Russland stattfindenden Spielen als weltoffenen und das russische Volk einenden Präsidenten präsentieren [12]. Natürlich dürfen und sollten wir uns auf die Spiele der russischen Nationalmannschaft freuen und auch ihre Tore bejubeln (oder verdammen). Aber wir dürfen im Blitzlichtgewitter von Sankt Petersburg eingesperrte russische Oppositionelle, die Beteiligung am Bürgerkrieg in Syrien und die völkerrechtswidrige Annektierung der Krim nicht vergessen [13]. Letztere führte dazu, dass die UEFA Vorrundenduelle zwischen Russland und der Ukraine kategorisch ausschloss. Ein Novum bei einer Europameisterschaft und eine ernüchternde Bestandsaufnahme des vereinigten Europas [14].

Brücken bauen

Und dennoch ergibt sich trotz der genannten Probleme eine Chance. So hat der Fußball – auch wenn schon lange nicht mehr das „Volk“, sondern die Erschließung neuer Märkte im Vordergrund steht – immer noch die Fähigkeit Brücken zu bauen. Denn so unterschiedlich die Lage in den europäischen Ländern nach eineinhalb Jahren Pandemie auch ist, zumindest für 90 Minuten sind wir alle gleich.

Versuchen wir also die Spiele zu genießen. Denn Fakt ist: Die EM findet derzeit statt. Ob wird es gutheißen oder nicht. Lasst uns also den Spielern zujubeln, zugleich aber stets wachsam bleiben, niemals durch das große Tam-Tam blenden und von den Lippenbekenntnissen zu Menschenrechten täuschen lassen.

Quellen:

[1] https://www.sport1.de/fussball/em/2021/06/fussball-em-14-000-zuschauer-in-allianz-arena-zugelassen, zuletzt geprüft am 15.06.2021.

[2] https://www.blaetter.de/ausgabe/2021/juni/fussball-als-herrschaftsinstrument, zuletzt geprüft am 15.06.2021.

[3] https://www.faz.net/aktuell/sport/fussball-em/corona-zahlen-in-spielorten-der-fussball-em-2021-in-europa-17381897.html, zuletzt geprüft am 15.06.2021.

[4] https://www.kicker.de/offiziell-em-aus-fuer-bilbao-und-dublin-802635/artikel, zuletzt geprüft am 15.06.2021.

[5] https://www.sueddeutsche.de/sport/em-2021-fussball-europa-aserbaidschan-1.5315953, zuletzt geprüft am 15.06.2021

[6] https://www.blaetter.de/ausgabe/2021/juni/fussball-als-herrschaftsinstrument, zuletzt geprüft am 15.06.2021.

[7] https://www.blaetter.de/ausgabe/2021/juni/fussball-als-herrschaftsinstrument, zuletzt geprüft am 15.06.2021.

[8] https://www.sueddeutsche.de/sport/em-2021-fussball-europa-aserbaidschan-1.5315953, zuletzt geprüft am 15.06.2021.

[910] Die Fußball-EM in Corona Zeiten – Große Sause für die UEFA, https://youtu.be/jf43rHmJ_Gc, zuletzt geprüft am 15.06.2021.

[10] Die Fußball-EM in Corona Zeiten – Große Sause für die UEFA, https://youtu.be/jf43rHmJ_Gc, zuletzt geprüft am 15.06.2021.

[11] https://www.sport1.de/fussball/em/2021/06/uefa-wegen-em-spielort-baku-in-der-kritik-einfach-absurd, zuletzt geprüft am 15.06.2021.

[12] https://www.blaetter.de/ausgabe/2021/juni/fussball-als-herrschaftsinstrument, zuletzt geprüft am 15.06.2021.

[13] https://www.blaetter.de/ausgabe/2021/juni/fussball-als-herrschaftsinstrument, zuletzt geprüft am 15.06.2021.

[14] https://www.sueddeutsche.de/sport/em-2021-fussball-europa-aserbaidschan-1.5315953, zuletzt geprüft am 15.06.2021.