Die Spiele der verlorenen Hoffnung

Es sollten die „Games of Recovery“ werden. Olympische und Paralympische Spiele, die das Gastgeberland Japan weltweit als moderne Industrienation präsentieren. Stattdessen stehen die Olympischen Sommerspiele im Zeichen der Corona-Pandemie. Mit nahezu exakt einem Jahr Verspätung wird das größte Sportevent der Welt am 23. Juli in der japanischen Hauptstadt Tokio eröffnet. Die Kritik daran ist jedoch so groß wie nie zuvor.

Als sich Japan im September 2013 im Rennen um die Austragung der Olympischen Sommerspiele gegen die Mitbewerber Türkei und Spanien durchsetzt, vergießt der rechtskonservative japanische Premierminister Shinzō Abe Freudentränen. Nachdem bei den Austragungen in Peking und Sotchi die Kosten geradezu gigantisch waren und Nachhaltigkeit auf der Strecke blieb, trat Tokio mit einer neuen Vision an. Ein Kostenbudget von knapp sieben Milliarden Euro, die Nutzung bestehender Sportstätten und Medaillen aus Elektroschrott, so der Plan des asiatischen Staats. Das passte perfekt in das Bild, das das Internationale Olympische Komitee (IOC) vermitteln möchte, denn insbesondere westliche Länder schrecken aufgrund der Kostenfrage zunehmend vor der Austragung der Spiele zurück (1). Den vorläufigen Höhepunkt hatten dabei die Olympischen Spiele in Sotschi mit Kosten von über 35 Milliarden Euro erreicht (2).

Der Inselstaat will sich wieder als modernes High-Tech-Land zeigen, als zum zweiten Mal wiederauferstanden nach der so folgenschweren Katastrophe von Fukushima

Wiederauferstanden nach der Katastrophe

Um zu verstehen, warum die japanische Regierung sich überhaupt um die Austragung der Spiele bemüht hat, muss man in das Jahr 1964 zurückblicken. Etwa zwanzig Jahre nach Ende des zweiten Weltkriegs präsentiert sich der Inselstaat als wiederauferstandene, friedliche Nation. Doch nicht nur das – mit Neuerungen wie elektronischen Zeitmesssystemen und der Satellitenübertragung in die ganze Welt zeigt sich Japan als Technik-Vorreiter. Lange entwickelt sich der Inselstaat daraufhin positiv, bis vor zehn Jahren die Nuklearkatastrophe von Fukushima das Land nachhaltig erschüttert. Durch ein Erdbeben werden mehrere Reaktorblöcke des Kernkraftwerks von Fukushima beschädigt und radioaktives Material in großen Mengen freigesetzt. Diese Katastrophe fordert hunderte Menschenleben und zerstört tausende Häuser und Wohnungen. Auch für die japanische Wirtschaft sind die Folgen dieses Ereignisses massiv. Zwei Jahre nach dieser Katstrophe werden die Olympischen Spiele nach Japan vergeben, die Regierung setzt große Hoffnung auf einen Effekt wie im Jahr 1964 (3). Der Inselstaat will sich wieder als modernes High-Tech-Land zeigen, als zum zweiten Mal wiederauferstanden nach der so folgenschweren Katastrophe von Fukushima. Vor allem möchte das Land mit den Themen Inklusion und Barrierefreiheit punkten. Natürlich auf dem höchsten technischen Level, mit Robotern, Künstlicher Intelligenz und autonomen Bussen (4).

Sorgen über Sorgen und Kritik im eigenen Land

Doch schon vor der Pandemie tauchen zunehmend Probleme auf. Aus sieben Milliarden Euro sind 30 Milliarden Euro geworden. Die Kosten haben sich fast verfünffacht (5). Zudem liegen die Temperaturen in Tokio im Juli meist deutlich über dreißig Grad. Sportliche Höchstleistungen können bei dieser extremen Hitze schnell zu einem enormen Gesundheitsrisiko werden (6). Dann erregen auch noch Plagiatsvorwürfe bezüglich des offiziellen Logos der Olympischen Spiele in Tokio Aufsehen, genauso wie Korruptionsvorwürfe gegen den Chef des japanischen Olympischen Komitees (7, 8).

Am meisten Sorgen allerdings bereitet seit mehr als einem Jahr die Corona-Pandemie. Im letzten Jahr initiieren nicht etwa die japanischen Organisatoren die Verschiebung des Events, sondern die Athlet:innen selbst (9). Auch jetzt, im Sommer 2021, sieht die Lage nicht unbedingt viel besser aus. Zwar schreiten in vielen Staaten die Impfungen gegen das Virus voran. Doch in Japan selbst laufen die Impfungen eher im Schneckentempo. Das Land befindet sich mitten in der vierten Corona-Welle. Noch dazu verbreitet sich mit der Delta-Variante eine weitaus gefährlichere Mutation rasant. Noch einmal verschieben oder gar absagen wollen die Organisatoren das Event aber auf keinen Fall. Stattdessen sind Zuschauer:innen nicht zugelassen. So kann sich Japan den internationalen Sportfans allerdings nicht als hochmodernes Technologie-Land präsentieren, es sind ja gar keine Tourist:innen da. Währenddessen sinkt die Zustimmung zu den Olympischen Spielen unter den Japanern enorm, in Umfragen spricht sich eine große Mehrheit gegen die Austragung aus (10).

Steht als Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) in der Kritik für die Austragung der Olympischen Sommerspiele während der Corona-Pandemie: Thomas Bach.

Olympische Spiele: Absage kann sich niemand leisten

Nun stellt man sich vielleicht die Frage, warum die japanische Regierung und das IOC die Spiele nicht tatsächlich einfach abgesagt haben. Darauf gibt es verschiedene Antworten. Für viele Athlet:innen sind die Olympischen Spiele das wichtigste Ereignis der Karriere. Insbesondere für Sportler:innen in Randsportarten würde das Wegfallen dieser unvergleichlich großen Bühne einen finanziellen Totalausfall bedeuten, weil Sponsoren wegfallen. Doch der wesentliche Grund sind wohl wieder einmal die Kosten. Sollten die Spiele nämlich nicht ausgetragen werden, werden unzählige Sponsoringverträge von Unternehmen, die die Olympischen Spiele als Werbeplattform nutzen wollten, nicht erfüllt. Fallen die Spiele aus, haben sie Anspruch auf eine Rückzahlung oder sogar Schadensersatz. Etwas, dass sich die japanische Regierung ganz sicher nicht leisten kann und will (5).

Also finden die Spiele statt, doch aus den japanischen Hoffnungen auf die „Games of Recovery“ werden Befürchtungen, dass die Olympischen Spiele zum Superspreader-Event werden. Die Frage nach nachhaltigen, kostengünstigen Wettbewerben scheint ohnehin längst beantwortet – vielleicht ja beim nächsten Mal. Das wären dann die Olympischen Winterspiele in China, wo bereits jetzt über 180 Menschenrechtsorganisationen weltweit einen Boykott fordern (11).

 Quellen:

[1] https://www.sueddeutsche.de/sport/tokio-2020-vorliebe-fuer-strahlenden-spiele-1.1765082-2 (zuletzt 13.07.21)

[2] https://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/178480/olympische-spiele-in-sotschi-05-02-2014 (zuletzt 13.07.21)

[3] https://www.deutschlandfunk.de/olympia-in-tokio-symbol-der-wiederauferstehung.892.de.html?dram:article_id=347615 (zuletzt 13.07.21)

[4] https://de.euronews.com/2020/06/15/paralympics-in-tokio-auf-dem-weg-zu-einer-integrativen-gesellschaft (zuletzt 13.07.21)

[5] https://www.deutschlandfunk.de/kosten-fuer-olympia-in-tokio-diese-spiele-finden-nur-noch.1346.de.html?dram:article_id=497181 (zuletzt 13.07.21)

[6] https://www.sueddeutsche.de/sport/tokio-2020-olympische-hitzespiele-1.4099571 (zuletzt 13.07.21)

[7] https://www.dw.com/de/verzicht-auf-umstrittenes-tokio-2020-logo/a-18685344 (zuletzt 13.07.21)

[8] https://www.deutschlandfunk.de/japanisches-olympisches-komitee-praesident-takeda-tritt.890.de.html?dram:article_id=444091 (zuletzt 13.07.21)

[9] https://tokio.sportschau.de/tokio2020/nachrichten/Olympische-Spiele-in-Tokio-werden-verschoben,olympia7002.html (zuletzt 13.07.21)

[10] https://www.tagesschau.de/ausland/asien/japan-impfung-101.html (zuletzt 13.07.21)

[11] https://www.zdf.de/nachrichten/politik/olympia-peking-usa-boykott-100.html (zuletzt 13.07.21)