Durchseuchung ist keine Option

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Es scheint, als würde sich die bundesdeutsche Politik um alles kümmern, nur nicht um Kinder. Es gibt aktuell keine*n eigene*n Kinder- und Jugendminster*in und auch noch keine wirklichen Konzepte für den Schulstart. Warum das im Kontext einer sich abzeichnenden vierten Coronawelle eine tödliche Kombination werden kann und warum das kein gutes Licht auf das Verhalten der Politiker*innen auf ihre Wähler*innen von morgen wirft, erfahrt ihr jetzt!

Solidarität ist keine Einbahnstraße. Seit März 2020 haben auch Kinder und Jugendliche auf ihr normales Leben verzichtet. Gerade ihnen wurde oft gesagt, bleibt zuhause, damit Oma und Opa sich nicht infizieren. Im Sommer sind dann aber viele Familien nicht in den Urlaub gefahren, weil es entweder finanziell nicht möglich war oder aber die Eltern aufgrund des monatelangen Distanzlernens ihre Urlaubstage bereits aufgebraucht hatten. Oma und Opa sind aber oft gefahren, denn, wie mein Opa immer sagt, sie haben noch alten Urlaub, sprich, sie sind Rentner. Ich möchte hier wirklich nicht irgendwem den Urlaub madig machen und auch auf keinen Fall Generationen gegeneinander ausspielen. Aber es fehlt mir an der gesellschaftlichen Solidarität mit den Kinder und Jugendlichen.

So heißt es oft, dass sich Jugendliche nicht an die Regeln halten. Das mag im Einzelfall stimmen, aber eine Studie aus dem September 2020 zeigt, dass dieser Vorwurf so pauschal nicht stimmt (1). Es ist aber auch einfacher, immer auf die „böse Jugend“ zu schimpfen statt selbstkritisch zu hinterfragen, wo man sich und andere unnötig gefährdet hat. So gab es beispielsweise sowohl in der zweiten als auch in der dritten Welle in den meisten Bistümern und Gemeinden Präsenzgottesdienste. Die Schulen aber waren entweder ganz geschlossen oder befanden sich im Wechselunterricht. So viel zu Thema die Schule „ist das Letzte, was wir schließen, und das Erste, was wir öffnen!“ (2). Jetzt kann man argumentieren, dass dies unter die in Deutschland grundgesetzlich verbriefte Religionsfreiheit und die Freiheit der Religionseinrichtungen fällt, aber ein solidarisches Verhalten sieht da anders aus.

Gleiches gilt für das Thema Raumluftfilter. Für Schulen gilt Lüften als das Mittel der Wahl. Außerdem, so hört man immer wieder von Politiker*innen aller Parteifarben, sei gar nicht wirklich bewiesen, ob diese Filteranlagen wirklich so effektiv seien. Zumindest im NRW-Landtag scheinen sie aber zu helfen (3). Oder aber, die Abgeordneten haben sich großzügigerweise als Testkaninchen gemeldet. Ich bin mir aber sicher, dass es viele Schulen gibt, nicht nur in NRW, die sich für solche Tests als Labor melden würden. Die Krux an der Sache ist, dass es sogar Firmen gibt, die Schulen vor Ort Geräte zur Verfügung gestellt hätten, die Geräte dann aber nicht eingesetzt werden durften (4).

Präsenzunterricht ist die höchste Form der Bildungsgerechtigkeit

Da hat Yvonne Gabauer Recht. Aber es ist jetzt an der Zeit, die Grundlage dafür zu setzen!

»Der Handlungsbedarf ist weiter gewaltig«, kritisiert FDP-Fraktionschef Christian Lindner. »Kinder, Jugendliche und Eltern brauchen endlich wieder planbare Normalität« (5). In der Analyse hat der FDP-Vorsitzende Recht, aber meines Erachtens könnte er damit bei „seinen“ Bildungsminstern anfangen. In NRW beispielsweise wirkte die Politik von Yvonne Gebauer weder geplant, noch hatte sie etwas mit den oftmals geforderten klugen Konzepten gemein. Es ist jetzt nicht die Zeit für kluge Ratschläge vom Seitenrand. Jede Partei kann sich auf Kommunal- und Landesebene einbringen, denn aufgrund unseres förderalen Systems wird hier die Schul- und Bildungspolitik gemacht.

Immerhin gibt es in NRW noch einen Kinder- und Familienminister, denn auf Bundesebene hielt man es nicht für nötig, für Franziska Giffey noch eine*n Nachfolger*in zu suchen. Auch wenn Frau Lambrecht den Job sicherlich gut macht, hat sie mit dem Justiz- und Verbraucherschutzministerium eigentlich einen Full-Time-Job und für ein Zweitministerium ist die Lage angesichts der hohen Infektionszahlen unter Kindern und der sich abzeichnenden vierten Welle im Herbst einfach zu ernst. Oder ist es für Gesellschaft und Politik einfacher zu sagen, uns sind Luftfilter zu teuer und Schulschließungen zu heikel, wir lassen eine Durchseuchung bei den Kindern und Jugendlichen, denen auch noch kein Impfangebot gemacht werden kann, zu?

Literaturquellen:

(1h) https://www.zdf.de/nachrichten/panorama/coronavirus-studie-junge-menschen-100.html

(2) https://www.onetz.de/deutschland-welt/soeder-schule-kitas-notfalls-letztes-geschlossen-id3124362.html

(3) https://www.nw.de/nachrichten/zwischen_weser_und_rhein/22957837_Luftfilter-in-Schulen-Effektiv-aber-nicht-gewollt.html

(4) https://www.suedkurier.de/region/kreis-konstanz/konstanz/keine-luftfilter-fuer-eine-konstanzer-grundschule-unternehmer-armin-karl-darf-sie-nicht-spenden;art372448,10686103

(5) https://www.spiegel.de/panorama/bildung/schule-und-corona-drei-viertel-der-deutschen-unzufrieden-mit-bund-und-laendern-a-7aa1087e-0002-0001-0000-000178306364

(Letzter Aufruf jeweils am 31.Juli 2021)