Bis dahin fließt noch viel Kritik den ›Bach‹ hinunter

– Über das IOC, Thomas Bach und den wahren Preis von Olympia –

Die Olympischen Sommerspiele 2021 sind trotz heftiger Kritik abgehalten worden. Doch die nächste Kritikwelle steht dem IOC und Präsident Thomas Bach bevor: Die kommenden Winterspiele in der Volksrepublik China. Der chinesische Staat verübt nachweislich massive Menschenrechtsver-letzungen an der uigurischen Minderheit. Doch, was dem Komitee wichtiger als Menschenrechte zu sein scheint, ist das Geld durch Olympia, das in Milliardenhöhe die Kassen füllt.

von Isolde Sellin

Da will man als »International Olympic Committee« einfach nur in Ruhe die Olympischen Spiele während einer Pandemie austragen, das sportliche Spektakel genießen, das Geld scheffeln, Höchstleistungen von Athlet:innen bewundern – und dann wird doch tatsächlich Kritik geäußert.

Für das IOC und insbesondere dessen Präsident Thomas Bach waren es nicht unbedingt einfache Sommerspiele. Das um ein Jahr verschobene Olympia war im Vorlauf sehr umstritten, die Pandemie ist schließlich nicht vorbei und macht auch vor dem olympischen Dorf nicht halt – doch vom 23. Juli bis zum 8. August wurden die Spiele ausgetragen.[1] Ohne Publikum und mit teils skurrilen Szenen aufgrund von Infektionsschutzbedingungen, doch die Einnahmen, welche auch und vor allem durch die Fernseh- und Werbeverträge generiert werden, wurden gerettet.[2] Gerettet vor allem für die Funktionär:innen des IOCs. Die Athlet:innen selbst sehen von den Summen laut einem Bericht vom Dezember 2019, der die Finanzen des Komitees genauer betrachtete, nur etwa 4%.[3] Da bleibt einiges übrig – bei den Olympischen Spielen in Rio 2016 konnte das IOC Einnahmen von rund 5,2 Milliarden Euro verzeichnen.[4]

Ein unangenehmes Thema für Thomas Bach und das IOC: Menschenrechte

Doch auch abseits von der Kritik an der selbstprofitablen Einstellung des olympischen Weltverbands, bleiben Fragen offen. Fragen bezüglich der kommenden Winterspiele im Februar 2022 in China.[5] Da grätscht nicht nur Kritik dazwischen, sondern ein ganz blödes Thema, wenn es um Sport geht und, so scheint es, eine Sache, die Thomas Bach am liebsten ganz ignorieren würde: Menschenrechte. Um genau zu sein die Rechte der Uigur:innen in China. Bei einer der Pressekonferenzen während der Sommerspiele, richtet sich ein Journalist an den IOC-Präsidenten Thomas Bach: »[…] verurteilen Sie auch, dass uigurische Muslime in Lagern in China eingesperrt werden?«[6] Die Frage wurde von dem Sprecher Bachs schneller abgeblockt als das Vorlesen des 1. Artikels der Menschenrechtscharta dauern würde: »Wir werden die Frage sehr gerne beantworten, wenn wir zurück in Lausanne sind, aber das ist eine Presskonferenz zu diesen Spielen. Der Herr hier vorne, ihre Frage bitte!«[7]

Nach den Olympischen Sommerspielen in Tokio im Juli und August diesen Jahres, folgen im Februar 2022 die Olympischen Winterspiele in Peking, China.

Fraglich, ob die zu Recht gestellte Frage des Journalisten jemals beantwortet wird. Zu unangenehm ist doch die Wahrheit: Die kommenden Olympischen Winterspiele werden den chinesischen Staat hofieren, und, um es sich mit dem Austragungsland nicht zu verscherzen, wird sich das IOC hüten, die massiven Menschenrechtsverletzungen durch die Volksrepublik zu verurteilen. Seit Jahren ist bekannt, dass in China Lager existieren, in denen nach Schätzungen zufolge etwa eine Million Uigur:innen interniert sind und »kulturell umerzogen« werden sollen.[8] Damit sollen vor allem die Unabhängigkeitsbestrebungen und Radikalisierungen innerhalb der 10 Millionen Menschen umfassenden Minderheit, die vor allem in Xinjiang lebt, unterdrückt werden. Augenzeug:innen berichten von Zwangsarbeit und Folter.[9] Menschenrechtler:innen sprechen von einem »kulturellen Genozid«.[10]

»Es ist das laute Schweigen eines Komitees, das scheinbar jedwede moralisch-ethische Skrupel abgelegt hat.«

Es scheint System zu haben, dass Sportverbände denken, sie seien davor gewahrt, politische Statements machen zu müssen. Bei den diesjährigen Sommerspielen waren zumindest partiell politische Statements von Athlet:innen wie beispielsweise das Niederknien als Zeichen gegen Rassismus erlaubt.[11] Das IOC selbst blieb aber weiterhin standhaft in seiner politischen »Unpolitischheit«. Doch nicht gegen Ungerechtigkeit aufzustehen, heißt diese weiter zuzulassen. Tagtäglich geschehen Menschenrechtsverletzungen und sportliche Ereignisse finden nun einmal nicht auf neutralem Boden statt. Auch wenn das IOC vielleicht wirklich nur Geld verdienen möchte, ist das Veranstalten der Spiele in China kein neutraler Akt, kein Bagatelldelikt. Es ist das laute Schweigen eines Komitees, das scheinbar jedwede moralisch-ethische Skrupel abgelegt hat.

Olympia kostet Geld… und Menschenrechte

Das »International Olympic Committee« beweist abermals, dass ihnen eine Umbenennung in »International Obsession with Capital« nicht unrecht tun würde. Thomas Bach scheint indessen unberührt von Kritik und von Menschenrechtsverletzungen in künftigen Austragungsorten zu sein – wichtig bleibt der Sport oder vielleicht doch vor allem die Erträge des Sports. Der Preis der Spiele beläuft sich nicht nur auf den Profit, den das IOC erwirtschaftet, er inkludiert Ignoranz gegenüber dem Leid einer ganzen Bevölkerungsgruppe, vor dem die Augen oder zumindest der Mund verschlossen wird. An Thomas Bach indessen prallt jede Form von kritischen Fragen ab – unwahrscheinlich, dass sich das in nächsten Monaten und Jahren seiner Amtszeit ändern wird.

Quellen:

[1] Mehr zu der Kritik im Vorlauf von den Olympischen Sommerspielen 2021 könnt Ihr in dem Artikel »Spiele der verlorenen Hoffnung« (19.07.2021) von Politikneugedacht-Redakteurin Janne Nissen nachlesen (https://politikneugedacht.blog/2021/07/19/die-spiele-der-verlorenen-hoffnung/).
[2] https://www.tagesschau.de/ausland/asien/olympische-spiele-kosten-101.html (zuletzt 12.08.2021)
[3] https://www.zdf.de/sport/olympia/athleten-finanzen-regel-40-tokio-2020-100.html (zuletzt 12.08.2021)
[4] https://tokio.sportschau.de/tokio2020/nachrichten/Die-Milliarden-FrageWas-kostet-die-Olympia-Verschiebung,olympia7018.html (zuletzt 12.08.2021)
[5] https://www.tagesschau.de/ausland/asien/olympische-winterspiele-103.html (zuletzt 12.08.2021)
[6] https://www.youtube.com/watch?v=J0SUH6_V4cg (zuletzt 12.08.2021)
[7] Ebd.
[8] https://www.youtube.com/watch?v=CI0Rb-Yha1Y (zuletzt 12.08.2021)
[9] Ebd.
[10] https://www.zdf.de/nachrichten/politik/china-uiguren-lager-100.html (zuletzt 12.08.2021)
[11] https://www.badische-zeitung.de/auch-olympia-wird-politisch–203586743.html (zuletzt 12.08.2021)