Sein Werk ist Propaganda – ein Leben zwischen Manipulation und Konsequenzen

Propaganda. Dass dieses Wort per se weder positiv noch negativ ist, ist vermutlich das Einzige, von dem Edward Bernays die Völker dieser Welt nie überzeugt hat. Und doch gilt dieser Mann, der im November 1891 in Wien geboren wurde, als Vater der Propaganda – als Begründer der Public Relations. Der erste Spin-Doctor. Er verstand es den Ereignissen den richtigen spin zu geben, um die Meinung der Massen zu lenken.

Als Neffe des deutschen Psychologen und Psychoanalytikers Sigmund Freud wurde Bernays zwar in Österreich geboren, die Familie wanderte jedoch bereits kurz nach seiner Geburt in die USA aus, wo er schließlich aufwuchs und seine Karriere als Journalist begann. Doch ist Edward Bernays heute nicht für seine journalistische Arbeit bekannt. Er ist es, weil er 1928 mit seinem Werk „Propaganda“ den Grundstein für die modernen Public Relations legte. Nach wie vor sind seine Theorien die vorherrschenden im Feld der Kommunikation. Mit Bernays Erkenntnissen beeinflussen und Unternehmen, Organisationen und Menschen in jeder Sekunde unseres Lebens. Sie wollen uns für ihre Sache gewinnen. Im Grunde genommen bestimmt dieser Mann, der 1995 mit 103 Jahren starb, jeden Tag unser aller Leben. Unser Verhalten. Unsere Meinungen und Haltungen [1].

Propaganda ist Manipulation ist Demokratie

Propaganda, oder Public Relations, ist für Bernays ein notwendiger Bestandteil unserer Gesellschaft und der Demokratie. Die „Manipulation“ der Massen sei wesentlich für das reibungslose Funktionieren unseres Zusammenlebens. In der Wirtschaft betrifft dies insbesondere den freien Wettbewerb. Das Angebot an Produkten und Dienstleistungen ist 1928, ebenso wie heutzutage, schier unendlich. Jedes Produkt anhand objektiver Kriterien wie Preis oder Qualität einzeln zu bewerten ist unmöglich. Dasselbe gilt für Dienstleistungen, politische Ideen und nicht zuletzt auch für Menschen. Also kommt die Propaganda zum Zuge. „Unsichtbare Meinungsführer“, wie Bernays sie bezeichnet, steuern unsere Meinungen und Haltungen zu eben jenen Produkten, sodass wir unsere Auswahl auf einen wesentlich kleineren Rahmen beschränken und schließlich eine Entscheidung treffen können.

Von der freiwilligen Feuerwehr bis zu TikTok – wir sind Teil einer Gruppe

Nun weiß Bernays selbst die Massen bestens zu manipulieren. Er erkennt die Strukturen und Verbindungen, die unsere Gesellschaft beherrschen. Wir alle sind Teil einer bestimmten Gruppe, meist sogar einer Vielzahl von Gruppen. Wir sind vielleicht in einem Sportverein, in einer politischen Partei oder Jugendorganisation, wir sind in einer Schule oder an einer Universität, einige sind bei der freiwilligen Feuerwehr, andere in der Kirche. Wir folgen einem Sportartikelhersteller auf Instagram, einer Klimaaktivistin auf Twitter, einem Comedian auf TikTok und einer Fitness-Influencerin auf YouTube. In jeder dieser Gruppen gibt es Meinungsführer:innen, mal mehr und mal weniger offensichtlich, die unsere Meinung entscheidend prägen. Diejenigen gilt es, für die eigene Kampagne, die eigenen Zwecke zu gewinnen. Bernays macht nicht bloß stumpf Werbung. Er erzeugt ein zusammenhängendes Gesamtbild, in dem jede Maßnahme einen Teil dazu beiträgt. Nichts geschieht zufällig.

Und er unterstützte die Zigarettenmarke ‚Lucky Strike‘, indem er das Rauchen für Frauen en vogue machte.

Im Laufe der Jahre „manipuliert“ Bernays in vielen Themen die Massen. Er steigert den Absatz von Büchern, indem er Möbelhersteller zur vermehrten Herstellung von Bücherregalen bewegt. Er überzeugt die amerikanische Regierung, die Highways massiv auszubauen, als er für die Truck-Industrie arbeitete. Er etablierte die Abkürzung „MS“, damit die Gesellschaft sich mit der Krankheit Multiple Sklerose beschäftigte. Und er unterstütze die Zigaretten-Marke „Lucky Strike“, indem er das Rauchen für Frauen en vogue machte. Später erklärte Bernays, er hätte das nicht getan, wenn er gewusst hätte, dass Rauchen schädlich für die Gesundheit ist. Denn dies macht er immer wieder deutlich: „Propaganda wird nur dann unmoralisch, wenn ihre Urheber bewusst und gezielt Informationen verbreiten, die sie selbst als Lügen erkennen, oder wenn sie bewusst auf Wirkungen abzielen, die für die Öffentlichkeit nachteilig sind.“ [2]

Massenmanipulation für Dummies

Es erscheint allerdings bestenfalls heuchlerisch, wenn Bernays tatsächlich annimmt, dass seine Theorien nicht missbraucht werden. Ob er sich damit selbst belügt oder dies bloß Teil seiner ganz persönlichen Manipulation der Öffentlichkeit ist, lässt sich wohl nie sagen. Doch Bernays hat wissentlich eine Anleitung geschrieben, wie man die Meinung von massenhaft Menschen zu seinen eigenen Gunsten manipuliert. Es sind nicht bloß abstrakte Theorien, die er verbreitet. Es sind einfache Beispiele und praktische Tipps, Massenmanipulation für Dummies wäre ein alternativer Titel für seine Werke gewesen. Vielleicht musste es also so kommen, vielleicht ist es eine traurige Ironie des Schicksals. Bernays Werk findet sich einige Jahre nach seinem Erscheinen in der Bibliothek eines Mannes wieder, der die Geschichte ebenso nachhaltig beeinflussen sollte wie Bernays selbst. Das Buch ist wohl eine spannende Lektüre für Joseph Goebbels, Hitlers Reichspropagandaminister. Edward Bernays war Jude [3].

Quellen:

[1] Deutschlandfunk Kultur, https://www.deutschlandfunkkultur.de/wie-edward-bernays-massen-manipulierte-der-vater-der.3720.de.html?dram:article_id=489754 (zuletzt: 30.08.21, 15:00)

[2] Edward Bernays (1928), Propaganda: Die Kunst der Public Relations, Herausgeber: Orange Press (Ausgabe von 2007)

[3] Neue Zürcher Zeitung, https://www.nzz.ch/gesellschaft/der-heimliche-verfuehrer-ld.1403103 (zuletzt: 30.08.21, 15:02)

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von Anders Noren.

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