Quer durch Deutschland – Auf den Spuren der Nachhaltigkeit

Der Zug – das Fortbewegungsmittel des Klimaschutzes. Das Fortbewegungsmittel der Entschleunigung, wenn auch manchmal zu sehr. Das Fortbewegungsmittel des Erlebens. Eine Zugreise ist auf so viele Arten nachhaltig.

von Laura Sauer

Chronik einer Fahrt von Berlin nach München mit Gedanken zur Nachhaltigkeit im Verkehr.

Die Reise beginnt am Potsdamer Platz beim Bahntower. Zumindest mehr oder weniger. Vor der Zugfahrt geht es noch kurz zum Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur. Dieses hat im letzten Jahr einen Nachhaltigkeitsbericht für seinen Geschäftsbereich vorgestellt. Die darin aufgeführten Aktivitäten reichen von kleinen internen Maßnahmen, wie der Umstellung auf zertifiziertes Recyclingpapier im Ministerium und den dort angesiedelten Behörden, bis hin zu großen externen Maßnahmen wie der Förderung von Wasserstoff- und Energiespeicherungstechnologien.
Auch die Bahn findet mehrfach Erwähnung. Bis 2030 sollen die CO2-Emissionen um 50% im Vergleich zu 2006 gesenkt werden. Als Maßnahme sollen dafür zum Beispiel keine fossilen Kraftstoffe mehr genutzt werden, sondern auf verschiedene alternative Antriebe wie Eco-Train (umgerüstete Dieselzüge zur Emissionsreduktion) gesetzt werden. Bis 2038 will die Bahn dann nur noch mit Ökostrom fahren. Doch schon heute ist der Zug das klimafreundlichste Fahrzeug; auf der Strecke Berlin – München entstehen pro Person 21,2 kg CO2. Mit dem Auto ist es das dreifache, mit dem Flugzeug sogar fast das fünffache.

Ausgangspunkt unserer Zugfahrt: Der Berliner Hauptbahnhof. Photo by Markus Winkler on Pexels.com

Wir verlassen das Verkehrsministerium, um den Zug rechtzeitig um 18:05 Uhr zu erwischen. Pünktlich fahren wir am Hauptbahnhof ab. Nach wenigen Minuten hält er am Bahnhof Berlin Südkreuz.

Aus Berlin raus geht es nach Brandenburg. Die Bahnstrecke liegt nur ungefähr 30 Kilometer westlich von Grünheide. Die Gemeinde, die nicht einmal 8.000 Einwohner hat, verdankt ihre Bekanntheit der Tesla Gigafactory Berlin-Brandenburg, die dort momentan gebaut wird. Seit Planungsbeginn tobt die Debatte darum, ob die Fabrik nachhaltig ist. Von sozialer Seite gibt es vor allem Kritik für Elon Musks Ansage, dass es keine Gewerkschaften und Betriebsräte geben wird, wie es auch an amerikanischen Standorten der Fall ist. Deutlich stärker sind allerdings die ökologischen Kritikpunkte. Auch wenn die Förderung von Elektroautos natürlich auf Beifall stößt, gibt es auch einige Vorwürfe. Neben lauter Kritik und Protesten wurde sogar gegen den Bau geklagt. Tesla habe die Ergebnisse eines Störgutachtens bei Tests missachtet, sagen der NABU (Naturschutzbund Deutschland) und die „Grüne Liga“. Ein weiterer großer Vorwurf ist der geplante Wasserverbrauch der Fabrik. Dieser soll das dortige Wasserkraftwerk an seine Grenzen bringen. Musk sagte dazu, es gäbe genug Wasser und tat den Vorwurf mit dem etwas flapsigen Kommentar „Sieht das hier aus wie eine Wüste?“ ab. Außerdem habe Tesla den Verbrauch bereits reduziert. Trotzdem warnt der Kraftwerksleiter vor möglicher Wasserknappheit.

Tesla steht für grüne Mobilität. Doch alleine die Produktion eines Elektroautos ist extrem ressourcen- und energieintensiv. Photo by Pixabay on Pexels.com

Wir verlassen Brandenburg. Der Zug fährt durch Wittenberg und Bitterfeld. Zweiter Halt ist schließlich Halle an der Saale. Halle hat sich diesen September an der Europäischen Mobilitätswoche beteiligt. Im Rahmen dieser wurden verschiedene Projekte durchgeführt, die Menschen dazu bewegen sollen, nachhaltigere Verkehrsmittel zu nutzen. So durfte man beispielsweise am 22. September kostenlos den ÖPNV nutzen, wenn man einen Fahrzeugschein mitbringt. Ebenso bekam man vergünstigten Eintritt in das Spaßbad, wenn man mit dem ÖPNV anreist. Mit solchen Maßnahmen wird versucht, die Hemmschwelle zur Nutzung nachhaltigerer Verkehrsmittel zu senken. Mit diesen Gedanken sind die zwei Minuten Halt schnell vergangen und es geht weiter in Richtung Erfurt.

In Erfurt hat sich eine Gruppe Stadt- und Raumplanungsstudierende der Fachhochschule Erfurt mit der Frage beschäftigt, was die Einwohner von Erfurt während der Corona-Pandemie im Verkehr an Problemen und Verbesserungsbedarf sahen. Erstaunlicherweise betrifft die Rückmeldung vor allem den Radverkehr. Vorgeschlagen wurde zum Beispiel eine farbliche Kennzeichnung von Radwegen. Der meiste Verbesserungsbedarf wird auf Seiten der Stadtverwaltung und Mobilitätsanbietern gesehen. Interessant ist aber, dass die Lösungen nicht zwangsläufig bauliche Maßnahmen bedürfen, sondern in vielen Fällen vor allem organisatorische Schritte erfordern.
Eine weitere Studie, die sich mit dem Verkehrsverhalten in Zeiten der Pandemie beschäftigt, ist das Mobicor-Projekt. In diesem geht es unter anderem auch um die Bahnnutzung. Hier kommt die Studie zu keinem rosigen Ergebnis: Mehr und mehr Menschen steigen von Bus und Bahn auf das Auto um, wobei gleichzeitig auch der Mitfahreranteil sinkt. Der Hauptgrund für die Nichtnutzung der Bahn und des ÖPNV ist die Corona Pandemie (51%, Mehrfachnennung möglich). Allerdings folgt nur knapp dahinter ein vollkommen Corona unabhängiges Problem: schlechte Verbindungen (42%). Im (noch) aktuellen Koalitionsvertrag von Union und SPD beginnt der Abschnitt über den Schienenverkehr mit dem Satz: „Pünktlichkeit, guter Service und hohe Qualität müssen das Markenzeichen der Eisenbahnen in Deutschland sein.“ Nun, das Ziel wurde wohl verfehlt. Passend dazu stoppt der Zug vor Nürnberg zweimal mitten im Nichts.

„Ein Halt wird als pünktlich gewertet, wenn die planmäßige Ankunftszeit um weniger als 6 bzw. 16 Minuten überschritten wurde.“

Die Deutsche Bahn und ihre Ansicht von Pünktlichkeit

So erreichen wir Nürnberg mit leichter Verspätung. Dort hat dieses Jahr das Deutsche Museum eine Zweigstelle eröffnet, in der sich alles um die Zukunft dreht. Teil der Ausstellung ist unter anderem ein Flugtaxi. Wer kennt sie nicht? Bilder von Städten der Zukunft mit fliegenden Autos und anderen fliegenden Gefährten. Im Film „Zurück in die Zukunft“ sah die Welt sogar schon im Jahr 2015 so aus. Damit lag der Film auf jeden Fall falsch – und vielleicht ist das gar nicht so schlecht. Nachhaltig sind Flugtaxis zumindest auf kurzen Strecken nämlich nicht. Erst ab 35km stoßen elektrische Flugtaxis weniger CO2 aus als Verbrenner. Im Vergleich zu Elektroautos schneiden Flugtaxis allerdings auch auf 100 Kilometer noch schlechter ab. Produziert werden sollen Flugtaxis unter anderem in Donauwörth, wo wir bei der Durchfahrt einen Blick auf das Airbus-Werk erhaschen können. Airbus selbst hat aber auch noch andere Pläne für die Zukunft, unter anderem für ein emissionsfreies Flugzeug. Das mit Wasserstoff angetriebene Gefährt soll ab 2035 unterwegs sein. Letztes Jahr stellte Airbus drei verschiedene mögliche Modelle vor, zwei davon sollen sogar für Interkontinentalflüge geeignet sein. Hoffnung für eine Branche, die als der Klimakiller schlechthin gilt.

Autonome Mobilität als Lösung für urbane Verkehrsströme? Photo by Kindel Media on Pexels.com

Kurz nach 22:00 Uhr erreichen wir den Münchener Hauptbahnhof. Eine große Auswahl an weiteren Verkehrsmitteln steht bereit, um an den endgültigen Bestimmungort zu kommen. Ob mit Bus, S-Bahn oder Zug – von hier kommt man klimafreundlich gut weg.

Auch wenn Corona die Klimadebatte ein bisschen in den Hintergrund gedrängt hat, bleibt sie präsent und wichtig. Während des Wahlabends der Bundestagswahl wurde ihre Bedeutung in der kommenden Legislaturperiode schon fast mantraartig wiederholt.  Beim Thema Klimaschutz ist es selten weit bis zum Verkehr – zurecht, denn der Verkehrssektor ist für circa 20% der CO2-Emmissionen verantwortlich. In diesem Bereich muss sich viel verändern, sowohl technisch als auch in den Köpfen der Menschen. Glücklicherweise gibt es bereits viele Ansätze und Ideen, sie müssen oft nur konsequent umgesetzt oder weiterverfolgt werden. Vielleicht ist das noch kein Grund für großen Optimismus, aber sicherlich doch ein Hoffnungsschimmer!

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von Anders Noren.

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