Jemen – Wo uns das Leid der Menschen völlig egal ist

Seit über sechs Jahren tobt in einem der ärmsten Länder der Welt ein grausamer Mehrfrontenkrieg. Von der internationalen Gemeinschaft, darunter auch die Europäische Union sowie die Bundesrepublik Deutschland, wird dieser Konflikt wenig beachtet. Die fehlenden internationalen, aber auch speziell westlichen Bemühungen der Stabilisierung und Befriedung der Region haben katastrophale Folgen für die dort lebende Bevölkerung.

von Luc Stahlhut

Doch wie kam es überhaupt zu der jetzigen Situation? Heute wird die Jemenitische Republik, kurz der Jemen, geographisch als eine Nation auf der Weltkarte dargestellt. Bis 1990 war der Jemen allerdings ein geteiltes Land. Diese Teilung hatte ihren Ursprung im Kolonialismus Großbritanniens und des Osmanischen Reiches, die die Fläche des heutigen jemenitischen Gebietes unter sich aufteilten. Als kurz nach dem Ende des I. Weltkrieges das Osmanische Reich zusammenbrach, wurden die vormalig osmanisch besetzen Gebiete im Norden Jemens unter der Führung vom Imam Yahya Muhammad Hamid ad-Din zu einem unabhängigen Königreich. Nach dem Tod des Monarchen kam es 1962 zum Bürgerkrieg, den 1970 die von Ägypten unterstützten Republikaner gegen die von Saudi-Arabien und Großbritannien unterstützten Monarchisten gewannen. Trotz der Ausrufung der Republik blieb die Lage im Norden Jemens instabil, zwei Präsidenten wurden ermordet. Erst 1982 gelang dem amtierenden Präsidenten Ali Abdullah Salih eine relative Befriedung des Landes.

Der Süden blieb bis 1967 unter britischer Kontrolle. Am 30. November 1967 gewährte die britische Krone der Region durch den wachsenden militärischen Druck, ausgelöst von einheimischen marxistischen und nationalliberalen Kräften, die Unabhängigkeit. Die neu gegründete Nation orientierte sich ab 1970 stark an der Sowjetunion und nannte sich nun: Demokratische Volksrepublik Jemen.

Die Teilung der republikanischen, teils autoritär regierten Jemenitischen Arabischen Republik im Norden und der marxistischen Demokratischen Volksrepublik Jemen im Süden dauerte bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahre 1990 an. Nicht nur die weltpolitische Lage veränderte sich, auch die beiden jemenitischen Staaten fanden zueinander, der vorher im Norden regierende Salih wurde Präsident der neu gegründeten Jemenitischen Republik. Die Lage in der jungen Nation blieb trotz der Wiedervereinigung angespannt. Ein im Süden von einer aufkeimenden Bewegung gegen die im Norden lebenden Eliten angezettelter Bürgerkrieg 1994 wurde niedergeschlagen. Immer wieder kam es im Süden zu Demonstrationen der Hirak-Bewegung der Ansar Allah (bekannt als Huthis), diesen begegnete die Regierung meist mit der gewaltsamen Niederschlagung.

Diese angespannte Lage entwickelte sich weiter, blieb bis 2011 aber verhältnismäßig stabil. Als Folge des Arabischen Frühlings kam es dann allerdings zu zahlreichen Protesten gegen die Regierung, die in dem Rücktritt des damals immer noch amtierenden Präsidenten Salih resultierten. Die Neuwahl, bei der jedoch einzig Salihs Stellvertreter, der von der USA gestützte Abed Rabbo Mansur Hadi, kandidierte, konnte die Lage nicht entspannen. Die 2013 ins Leben gerufene Nationale Dialogkonferenz und verschiedene Reformversuche von Hadis Regierung scheiterten unter anderem an dem massiven Widerstand der Ansar Allah. Im September 2014 eskalierte die Situation mit der gewaltsamen Einnahme der Hauptstadt Sanaa durch die Ansar Allah, der aktuell andauernde Konflikt entstand. Auch das Ausland beteiligt sich an diesem Bürgerkrieg, so unterstützt Saudi-Arabien mit großflächigen Bombardierungen, die auch vor zivilen Zielen nicht Halt machen, das Regime von dem gestürzten Präsidenten Hadi. Auch Teile der NATO, darunter Frankreich, die Vereinigten Staaten und Großbritannien, unterstützen die Saudis mit Waffenlieferungen und damit den gestürzten Präsidenten Hadi gegen die Ansar Allah, die mittlerweile mit der Partei des ehemaligen Staatschefs Salih koalieren.

Der Krieg, der nun sechs Jahre andauert, führt zu einer der größten humanitären Krisen des 21. Jahrhunderts. Den Vereinten Nationen zufolge sind 14,3 Millionen Menschen akut von Hunger bedroht. 3,65 Millionen Binnenflüchtlinge wurden durch die Konflikte aus ihrer Heimat vertrieben. Verschlimmert wird die Krise durch die aufgrund der schlechten sanitären Lage seit 2016 aktiven Cholera-Pandemie und der seit 2020 ohne ein stützendes Gesundheitssystem grassierenden Corona-Pandemie. Ein Ende der Konflikte und der humanitären Krise ist kaum in Sicht.

Inmitten dieser Umgebung ist Sayed (*) aufgewachsen. Der 23-Jährige würde in Deutschland oder jedem anderen europäischen Land vermutlich gerade seinen Abschluss machen und sein Leben leben, in einer Bibliothek oder an der Uni arbeiten. Er ist wissbegierig, interessiert sich für Geschichte, spricht brüchiges Englisch. Doch er ist an einem falschen Ort geboren, sein Leben hat einen anderen Verlauf genommen. In seinem Heimatort, das im Süden Jemens unter der Kontrolle eines lokalen Warlords steht, gibt es keine Arbeit, keine Perspektiven. Seine Familie lebt von der Hand in den Mund, Sayed geht meist hungrig schlafen. Das Leid ist überall, zwei seiner jüngeren Geschwister sind gestorben. Nicht der Krieg ist das Problem, sondern die Nöte, die mit ihm kommen. Auf die Frage, ob er je überlegt habe, zu fliehen, lacht er auf, es wirkt verzweifelt. Er sagt: „Where should I go? I can go nowhere. Everywhere is death.“ („Wo soll ich hingehen? Ich kann nirgendwo hingehen. Überall wartet der Tod.“). Mit seinem Schicksal ist er nicht allein, Millionen Menschen, darunter eine ganze junge Generation, fehlt es an jeglichen Zukunftschancen. Auch die Flucht ist kaum jemandem möglich.

Aber was sagt die deutsche, was sagt die europäische Politik zu diesen dramatischen Umständen? Unser jetziger Außenminister Heiko Maas (SPD) wendet sich mit großen Worten im Rahmen der Geberveranstaltung zur humanitären Situation im Jemen, also einer Art Zoom-Charity unter Staaten, an die Öffentlichkeit. Auf dieser am 01. März 2021 stattgefundenen Veranstaltung sagt er:

„Genug ist genug! Alle Konfliktparteien müssen umgehend die Kampfhandlungen einstellen und sich Martin Griffiths Initiative für einen landesweiten Waffenstillstand, vertrauensbildende Maßnahmen und die Aufnahme eines umfassenden politischen Prozesses anschließen.“

Weiter erläutert er:

„Wir müssen auch die verteidigen, die ihr eigenes Leben riskieren, um vor Ort Leben zu retten: die humanitären Helferinnen und Helfer. Diejenigen, die humanitäres Völkerrecht durch ihre Angriffe auf die zivile Infrastruktur mit Füßen treten, müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Und wir müssen mehr Druck auf diejenigen ausüben, die auch weiterhin humanitären Zugang verweigern. Sie tragen die volle Verantwortung für das Leiden des jemenitischen Volkes.“

In anderen Regionen, in der sich die Bundesrepublik einmischt, klingt das ähnlich. Der Unterschied: Hier folgen auf die Worte Taten. Im Jemen, der sich für Deutschland vor allem durch die verhältnismäßig geringe geostrategische Relevanz auszeichnet, wird außer den 0,2 Milliarden Euro, die Deutschland im Rahmen der humanitären Hilfe bereitstellt, nicht viel getan. Seit der Rede im März hat sich quasi nichts an der Situation im Jemen geändert. Doch ist dies logisch, denn warum sollte die deutsche Bundesregierung handeln, wenn kein öffentlicher Druck auf sie entsteht?

Die deutsche Öffentlichkeit diskutiert lieber über mehrere Tage hinweg über einen Vergleich des Zapfenstreichs, also der zeremoniellen Ehrung der Soldat:innen, die in Afghanistan kämpften, vor dem Bundestag, und den Fackelmärschen in der Nazizeit, als sich mit Ansätzen einer Lösung von Konflikten wie im Jemen zu beschäftigen, aus deren Konsequenz Millionen Menschen, darunter zahllose Kinder, leiden. Kritische Stimmen mögen jetzt anmerken, man könne ja auch beides tun, doch dem ist nur zu entgegnen: Seit jeher beschäftigt man sich anscheinend nur mit einem Leid auf einmal. Obwohl?

In der aktuellen medialen Diskussion kommen gleich zwei Leidgeplagte zu Wort, so ächzt auf Twitter der linksliberale Student, in seiner warmen Wohnung mit einem Glas Merlot sitzend, über die Bilder vor dem Reichstag und fordert mit großen Worten das Ende der Tradition. Zeitgleich kommt vom patriotischen Michel der ach so unterdrückte Ruf, nicht alle Traditionen dem linken Zeitgeist zu opfern, selbst wenn deren Symbolik eins zu eins aus der Nazi-Zeit kopiert sein könnten.

Nur der an Hunger und Krankheiten leidende Sayed im Jemen, der kaum anderes kennt als ein Leben im Krieg, für ihn interessiert sich leider keiner der oben Genannten. Also bleibt alles wie gehabt: Hier streitet man sich über Symbolik, im Jemen leiden junge Menschen. Sie wurden zur falschen Zeit am falschen Ort geboren und haben keine Zukunft. Sayed fasst es in einem traurigen Satz zusammen: „Nobody cares about us.“

(*) Name wurde geändert. Generell wurden alle Daten verschleiert, um die Person zu schützen.

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von Anders Noren.

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