Du hast die Chance (nicht) – Über Bildungsgerechtigkeit in Deutschland

Deutschland hat ein Problem. Ein Problem, das mit Bildung anfängt und mit Ungerechtigkeit aufhört. In einer Studie der Vereinten Nationen zu Bildungsgerechtigkeit von 2018 landete Deutschland im unteren Drittel im Vergleich mit 41 Industriestaaten – nicht etwas, womit sich ein reiches Land wie Deutschland gerne rühmen will [1]. Jetzt gab es im Oktober dieses Jahres eine neue Studie des Stifterverbandes und der Beratungsgesellschaft McKinsey und Company, betitelt wurde sie mit »Chancengerechtigkeit in der Bildung hat sich verbessert« [2]. Toll! Oder?

von Isolde Sellin

Wenn man sich dann die Zahlen genauer anschaut, setzt recht schnell eine Ernüchterung ein. Von 100 Akademiker:innen-Kindern beginnen 79% ein Studium, bei Nicht-Akademiker:innen-Kindern sind es gerade mal 27%. Hat kein Elternteil studiert, liegt die Chance, dass das Kind einen Bachelor abschließt, gerade mal bei 20% – ein studiertes Elternteil hebt die Wahrscheinlichkeit drastisch auf 64%. Bei dem Masterabschluss gewinnen die Akademiker:innen-Kinder mit 43% zu 11% [3].

Rechnet man nun etwas rum und aktiviert das etwas eingerostete Prozentrechnen aus der Schule, fällt auf, dass Nicht-Akademiker:innen-Kinder, haben sie es erst einmal auf eine Hochschule geschafft, ähnlich erfolgreich sind. Wird ein Studium begonnen, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder aus einem Nicht-Akademiker:innen-Haushalt ihren Bachelor abschließen bei 74%, Akademiker:innen-Kinder sind mit 81% nicht mehr allzu weit entfernt. Auch bei den Übergängen zu höheren Abschlüssen ergibt sich ein ähnliches Bild. Und dennoch sind natürlich die letztendlichen Zahlen erschreckend, scheint es doch, als ob man sich als Nicht-Akademiker:innen-Kind wahrscheinlich glücklich schätzen müsste, dass man aller Wahrscheinlichkeit und Statistik zum Trotz eine akademische Laufbahn eingeschlagen hat.

Doch quantitative Studien geraten oft in Gefahr die Gründe, die die Zahlen entstehen lassen, zu verdecken. Denn es kann nicht allein um eine Studierte-Eltern-studierte-Kinder-Kausalität gehen. Die Gründe sind vielfältig, hängen aber häufig mit der finanziellen Situation von vielen Nicht-Akademiker:innen-Haushalten zusammen. Eine unsichere Finanzierung kann häufig den Traum eines Studiums platzen lassen. Deutschland dachte vor 50 Jahren die Lösung gefunden zu haben: BAföG, das Bundesausbildungsfördergesetz [4]. Fördern klingt immer gut. Es scheint aber, als bräuchte es zunächst eine Förderung, um die Förderung zu beantragen. Hat man sich dann doch schließlich durch die niemals enden wollenden Dokumente gewühlt und hofft im nächsten Monat sich nicht mehr zwischen Miete und Gemüse entscheiden zu müssen, darf man Wochen, Monate auf das Geld warten. Man wird mürbe und am Ende nimmt man den mickrigen Satz und traut sich aus lauter Dankbarkeit nicht mehr, Einspruch zu erheben.

Doch vielleicht kommt jetzt die Lösung, denn auch die potentielle Ampel-Koalition kam in den Sondierungsgesprächen nicht um das Thema herum. Im Sondierungspapier warfen sie mit neuen und eindrucksvoll klingenden Worten um sich. So hielten sie in fest: »Zur Unterstützung der lebenslangen Aus- und Weiterbildung wollen wir neue Instrumente einführen (z.B. Lebenschancen-BAföG) […]« [5].

Lebenschancen-BAföG – klingt… hübsch. Irgendwie poetisch. Aber es bleibt so ein G’schmäckle, würden wir im Schwaben-Ländle sagen. Ein Geschmäckle, dass das Wort zwar schön klingt, aber in der Umsetzung recht schnell verklingt.

Es braucht keine neuen schicken Wörter für ein altes System. Es bedarf einer Systemveränderung. Einer Veränderung, die Kindern Lebenswege eröffnet, die abweichen können von denen ihrer Eltern. Es bedarf einer Veränderung, die dieses Land gerechter macht. Also kann man von der zukünftigen Regierung hoffen, dass es bei der Entwicklung hin zu Bildungsgerechtigkeit, nachhaltige Vorhaben gibt. Dieses Land verschenkt Potential, indem es Kinder aufgrund ihrer Herkunft daran hindert, ihr Potential auszuschöpfen. Dieser strukturellen Diskriminierung muss mit neuen Strukturen entgegengewirkt werden – die Strukturen können auch hübsche Namen haben, in erster Linie müssen sie aber wirken.


Quellen

[1] https://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/unicef-studie-deutschland-bei-bildungsgerechtigkeit-nur-im-mittelfeld-a-1235821.html zuletzt aufgerufen am 02.11.2021.

[2] https://www.mckinsey.de/news/presse/21-10-19-hbr-paper-2—chancengerechte-bildung zuletzt aufgerufen am 02.11.2021.

[3] https://www.stifterverband.org/medien/vom_arbeiterkind_zum_doktor zuletzt aufgerufen am 02.11.2021.

[4] https://bafoeg50.de/bafoeg/ zuletzt aufgerufen am 02.11.2021.

[5] https://cms.gruene.de/uploads/documents/Ergebnis-der-Sondierungen.pdf zuletzt aufgerufen am 02.11.2021.

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von Anders Noren.

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