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Jung, engagiert und ausgebrannt – ein Interview mit Özgürcan Baş

von Dez 13, 2021Allgemein, Jugend & Politik, Parteien0 Kommentare

Mit 16 Jahren wird Özgürcan Baş, von den meisten Ötzi genannt, zum Vorsitzenden des neu gegründeten Jungen Rates* in Kiel. Sechs Jahre später hat er seine Ausbildung zum Bankkaufmann abgeschlossen und ist Ortsbeiratsvorsitzender** für die SPD. Dazwischen stand eine Reihe politischer Ämter. Was bedeutet es eigentlich für einen jungen Menschen, in der Politik aktiv zu sein?

Dafür, dass du erst 22 Jahre alt bist, bist du schon lange politisch engagiert. Wie hat das alles angefangen?

Seit ich dreizehn Jahre alt bin, bin ich als Schiedsrichter aktiv. Mein Sport- und Politiklehrer wusste von meinem Engagement und hat mir irgendwann einen Flyer für den Jungen Rat in die Hand gedrückt. Ich habe eher unbedacht dafür kandidiert und dann kam alles auf einmal. In der ersten Sitzung mussten wir einen Vorsitzenden wählen, aber niemand von uns wusste, worauf wir uns dabei einlassen. Ich wurde ein wenig vorgeschoben und plötzlich kommt der Stadtpräsident auf mich zu, gratuliert mir zum Vorsitz und sagt: „So, Herr Baş, Sie dürfen ab jetzt die Sitzung leiten.“

Also war das alles ein Zufall?

Es war ein absolutes Versehen. Ich wusste nicht einmal, was der Unterschied zwischen dem Oberbürgermeister und dem Stadtpräsidenten ist. Aber ich hab mich da reingefunden. Wir haben ganz unten angefangen und gelernt, was ein Stadtrat oder die Verwaltung macht. Zuerst wurden wir nebenbei vom Kinder- und Jugendbüro betreut, später hatten wir eine richtige Ansprechpartnerin und zum Schluss habe ich mit einer Vollzeitgeschäftsführerin zusammengearbeitet. Vieles hat sich mit der Zeit entwickelt.

Du warst während deiner Schulzeit Vorsitzender des Jungen Rates, aber das war damals nicht dein einziges Engagement, richtig?

Ich war auch Schülersprecher und Teil des Landesvorstands der Landesschülervertretung, wo wir mit den Landtagsabgeordneten zur Bildungspolitik zusammengearbeitet haben. Außerdem war ich, wie schon erwähnt, Schiedsrichter und im Präsidium von „Jugend im Landtag“. Das startete alles aufeinander aufbauend. Wenn man einmal drin ist, kommt man schwer wieder raus.

Wie hast du das alles mit der Schule unter einen Hut gebracht?

Es war einfacher, als während der Ausbildung oder jetzt neben dem Vollzeitjob. Ich war zwar oft gestresst, aber es war gut machbar. Ich habe viele neue Leute kennengelernt und mir trotz allem immer Zeit genommen für die Menschen, die mir wichtig sind. Gleichzeitig gab es aber auch Abende, wo ich noch bis drei oder vier Uhr nachts eine Sitzung geplant habe und dann um 06:30 Uhr morgens wieder aufgestanden bin. Im Nachhinein schüttele ich da schon den Kopf drüber. Aber es hat mir Spaß gemacht und ich stand voll und ganz dahinter. Ich war überzeugt von dem, was ich gemacht habe.

Nach deiner Zeit als Vorsitzender des Jungen Rates bist du in die SPD eingetreten. Was hat dich zu diesem Schritt bewogen?

Für mich war immer klar, dass ich mich weiter in der Politik engagieren möchte. Ich mache mich einfach gerne für junge Menschen stark.

Seit deinem Eintritt in die Partei hast du schon diverse politische Ämter übernommen.

Mein Anspruch ist es, mich inhaltlich einzubringen. Deshalb bin ich Teil des Juso-Kreisvorstands*** geworden. Dann kam schnell die Möglichkeit, mich im Schul- und Sportausschuss der Stadt Kiel zu engagieren. Parallel dazu wurde mir auch nahegelegt, den Vorsitz im Ortsbeirat zu übernehmen. Allerdings habe ich gemerkt, dass ich alle drei Ämter zeitlich nicht schaffe. Deshalb habe ich mich dann nicht nochmal für den Kreisvorstand und auch nicht für den Ausschuss aufgestellt. Ich hinterfrage häufig, ob ich mich wirklich so einbringen kann, wie ich das möchte. Und gerade im Ausschuss hatte ich das Gefühl, dass wir in der zweiten Reihe Menschen haben, die das zeitlich und inhaltlich besser schaffen. Das war eine einfache Entscheidung für mich.

Dir wurde nahegelegt, den Vorsitz im Ortsbeirat zu übernehmen. Dabei warst du noch ziemlich frisch dabei.

Ich wurde in einer meiner ersten Ortsbeiratssitzungen zum Vorsitzenden gewählt. Im Nachhinein wäre es besser gewesen, wenn ich mir die Arbeit im Ortsbeirat noch ein Jahr angeguckt hätte. Gleichzeitig hat es mich geehrt, dass die Menschen mir das zugetraut haben. Ich hatte ja schon Erfahrung als Vorsitzender im Jungen Rat, deshalb habe ich es auch nicht direkt ausgeschlossen. Und zum Glück ist es am Ende auch gut ausgegangen. Aber ich habe mich schon unter Druck gesetzt gefühlt, nach dem Motto: Wenn du es jetzt nicht machst, dann macht es keiner. Am Ende habe ich die Entscheidung getroffen: Ja, ich mache das, unter einer Bedingung. Den Kreisvorstand und den Ausschuss gebe ich auf.

Eine Zeit lang hast du aber noch alle drei Ämter gleichzeitig ausgeübt, richtig?

Ja. Das war zu viel, das weiß ich auch.

Woran hast du das gemerkt?

Ich habe mich komplett ausgelaugt gefühlt. Was meine Persönlichkeit und meine Gesundheit betrifft, war da nicht mehr alles auf dem grünen Zweig. Es gab Momente, in denen ich gedacht habe: Warum mache ich den ganzen Scheiß überhaupt, wofür tue ich das? Ich habe festgestellt, dass ich runterfahren muss. Ich konnte einfach nicht mehr.

Insbesondere für junge Engagierte, wie dich, ist der Druck in der Politik oft hoch. Bist du der Meinung, dass in der Partei und der Politik mehr über psychische Gesundheit und den Umgang mit Belastung gesprochen werden muss?

Auf jeden Fall. Zu 100 Prozent, definitiv. Es stört mich, dass das so tabuisiert wird und wir über solche Themen nicht sprechen. Wenn ich mir ein Bein breche, dann wünscht jeder „Gute Besserung“. Aber wenn ich eine Panikattacke habe, halten mich die Leute für geisteskrank und das Verständnis fehlt. Als während meiner Schulzeit die Belastung so hoch war, hatte ich das Gefühl, mich überall einbringen zu wollen. Ich wollte immer alles geben. Aber als die Belastung während der Ausbildung mit meinem Engagement in der Partei noch einmal so hoch war, hatte ich eher das Gefühl, ums Überleben zu kämpfen. Über so etwas wird viel zu wenig offen geredet. Mir ist es wichtig, dass solche Themen auf der Agenda stehen. Ich habe selbst gemerkt, was es heißt, wenn ich gesellschaftlich unter Druck gesetzt werde oder extrem hohe Anforderungen an mich gestellt werden.

Trotz allem hast du die Politik nie aufgegeben. Was hat dich immer wieder motiviert?

Es gibt Momente, die mir am Ende des Tages im Kopf bleiben. Ich war zum Beispiel bei einer Diskussionsrunde mit unserem Bundespräsidenten, Frank-Walter Steinmeier, mit fünf oder sechs anderen Gesprächsteilnehmern. Wir haben vielleicht zwei Stunden lang mit ihm diskutiert. Das ist ein Moment, an den ich mich immer wieder erinnere, der sich bei mir eingebrannt hat und der mich immer wieder motiviert. Aber ich habe auch gesehen, dass sich durch meine Arbeit vor Ort etwas ändert. Im Jungen Rat oder auch im Ortsbeirat hat unsere Arbeit am Ende immer echte Auswirkungen. Zumindest bildet man sich ein, dass es so wäre.

Ist die Politik Teil deiner Identität?

Ja, definitiv.

Inwiefern?

Ich habe für mich selbst viel mitgenommen. Ich habe gelernt, wie ich vor vielen Menschen rede, mit anderen kommuniziere oder mich individuell auf jemanden einstelle. Das gehörte irgendwann einfach zu mir dazu. Eine Zeit lang habe ich noch Fußball gespielt in einem Verein in Gaarden, Intertürk Spor. Da standen ganz andere Themen auf der Agenda, aber meine Mitspieler haben mich immer den „Präsidenten“ genannt. Das Engagement gehört zu mir. Ich zeige das auch gerne und rede darüber, weil ich andere Menschen für die Politik begeistern möchte. Aber da bin ich reingewachsen. Ich komme nicht aus diesen politischen Kreisen. Bis vor kurzem habe ich mit vier Personen auf 54 Quadratmetern gewohnt und mir mit meinem Bruder ein Zimmer geteilt. Meine Eltern kommen aus der Türkei, niemand in meiner Familie hat studiert. Ich musste mir vieles erkämpfen. Dass ich diesen Weg gehen durfte, ist für mich ein Privileg.

Bist du für andere ein Vorbild?

Ich glaube nicht, dass ich ein Vorbild bin. Aber ich tue Gutes und spreche gerne darüber. Da gucken schon viele Menschen drauf und einige kann ich damit unterhalten. Es ist doch untypisch, mit 22 Jahren im Ortsbeirat aktiv zu sein. Ich zeige, was Einsatz in diesem Alter heißt.

*Kinder- und Jugendbeirat der Stadt Kiel

*Ortsbeirat = Stadtteilbeirat der Stadt Kiel

*** Jusos = Jugendorganisation der SPD

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